BEHA'ALOTCHA
Anteilnahme statt Aufrechnung
אל נא רפא נא לה – „O Gott, heile sie doch!“ (Num 12,13), fleht Moses, als er sieht, dass seine Schwester Miriam über und über mit Aussatz bedeckt ist. Er fragt nicht erst: „Wie hast du dir das zugezogen?“. Und er geht nicht darauf ein, was uns der Text der Torah zunächst glauben macht, nämlich dass dieser Hautausschlag eine Strafe dafür sei, dass Miriam gegen ihren Bruder opponiert hat. Moses hält sich nicht bei der Frage auf, ob jemand seine Krankheit selbst verschuldet hat. Anteilnahme statt Aufrechnung. אל נא רפא נא לה – „O Gott, heile sie doch!“, diese Bitte ist die spontane Reaktion von Moses, und diese Worte wurden zu einem der prägnantesten Gebete des Tanach, der Hebräischen Bibel.Der Zusammenhang von Krankheit und Schuld, Krankheit als Strafe für Fehlverhalten, ist in unserem Denken tief verwurzelt. Freilich ist uns bekannt, dass ungesunde Lebensweise, falsche Ernährung, zuwenig Bewegung oder auch Süchte eine Erkrankung des Körpers begünstigen. Und wir wissen um Psychosomatik, nämlich dass am Körper Beschädigungen der Seele sichtbar werden. Aber ist das ein Grund, einer kranken Person Mitgefühl zu verweigern? Oder die Krankenbesuche mit Vorwürfen oder Hinweisen auf das vermeintliche Fehlverhalten zu würzen? Oder umgekehrt damit zu trösten, dass die Krankheit eine Form besonderen Augenmerks Gottes auf diese Person ist? Ist es das, was einem kranken Menschen im Moment seines Leidens hilft?
Der Talmud (BT Berachot 5b) erzählt von Rabbi Chija, der sehr schwer erkrankt war. Er war schon so schwach, dass er keine Kraft mehr hatte für die Frage nach dem Sinn seines Leidens. Weder für die Annahme, dass die Krankheit eine Strafe sei für früheres Fehlverhalten, noch für den Gedanken, dass sich auf diese Weise eine besondere Zuwendung Gottes zu ihm ausdrücke. Sein Lehrer, Rabbi Jochanan, besuchte ihn, verstand seine Verzweiflung und sagte zu ihm: „Reich mir deine Hand“. Rabbi Chija gab ihm die Hand, und dann heißt es: „Und er, Rabbi Jochanan, richtete ihn auf“. Inmitten von Leiden und Verzweiflung war es die Hand des Nächsten, an der sich der Kranke hochziehen konnte und wieder Lebensmut schöpfte.
Und dann setzt die Erzählung des Talmuds fort, dass einmal auch der Lehrer, Rabbi Jochanan, schwer erkrankte und teilnahmslos darniederlag. Da erhielt er Besuch von seinem Kollegen, Rabbi Chanina, der mit ihm genauso verfährt. Er reicht ihm die Hand, und an dieser Anteilnahme kann sich der Kranke wiederaufrichten. Und dann fragt der Talmud weiter: Wenn das das Rezept zum Gesundwerden ist, warum hätte sich da Rabbi Jochanan nicht selbst heilen können? Geht es nicht vor allem darum, dass man sich als Kranker ein bisschen zusammenreißt? Aber die Antwort lautet: „Ein Gefangener kann sich nicht selbst aus dem Gefängnis befreien!“. Nicht die Selbstanalyse und seine Geisteskraft halfen Rabbi Jochanan, sondern die Gegenwart eines anderen Menschen, der ihn annimmt, ihm die Hand reicht und ihn aufrichtet.
Nicht die Sinngebung für die Krankheit, ihre Deutung als Strafe oder Liebesbeweis Gottes, helfen einer Kranken in ihrer Not, sondern allein die Anteilnahme einer anderen Person. Mitgefühl, die Begleitung eines Menschen in seiner unerträglichen Situation, ist das Einzige, was hilft. Vorwürfe oder Besserwisserei verstärken nur die Einsamkeit der kranken Person und machen das Leiden schlimmer. Das Gebet von Moses für seine aussätzige Schwester Miriam war an keine Bedingung oder an Schuldeinsicht geknüpft - es war ein aus tiefster Empathie kommendes Flehen um Hilfe, ohne jede Aufrechnung. אל נא רפא נא לה – „O Gott, heile sie doch!“. Mögen auch wir genug Kraft und Geduld haben, eine Stütze für Kranke zu sein, damit sie sich an uns aufrichten können.
Schabbat Schalom!
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB. Der Beitrag wurde dort am 17. Juni 2022 gesendet.
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