MIKEZ
Eine Hungernot war keine Überraschung
Auslegung von Rabbiner Walter RothschildIn diesem Jahr haben wir eine Menge interessanter und oft unbequemer Lektionen gelernt. Eine davon ist, dass, wenn die Getreideexporte aus der Ukraine, aus welchen Gründen auch immer, gestoppt werden, halb Afrika und ein Großteil der übrigen Welt plötzlich vor dem Verhungern stehen.
Auch aus biblischer Zeit wissen wir, dass Gebiete in Syrien oder Nordafrika Orte waren, aus denen Rom Schiffsladungen von Getreide importierte. Wir wissen, dass in Ägypten die gesamte Landwirtschaft vom Wasser des Nils abhing - ganz zu schweigen von anderen Risiken wie Heuschreckenplagen! Wir wissen, dass es bereits in der Vergangenheit klimatische Veränderungen, Verschiebungen der Windverhältnisse, veränderte Niederschlagsmengen und vieles mehr gegeben hat.
Wenn also Ägypten und die umliegenden Länder von einer Hungersnot heimgesucht wurden, ist das nicht unbedingt eine Überraschung. Die Überraschung ist, dass Ägypten zumindest gut darauf vorbereitet war. Es verfügte über ein Netz gut gefüllter Lagerhäuser, Kornkammern, aus denen Getreide an die eigenen Bürger verkauft werden konnte – zunächst für ihr Geld, dann für ihr Vieh, dann um den Preis ihrer eigenen Unabhängigkeit – das Volk verkaufte sich in die Sklaverei für das Privileg, etwas essen zu können. Die Hungersnot war so groß, und weitverbreitet, dass sie die Nachbarvölker dazu trieb, nach Ägypten zu wandern, um in den staatlichen Lagerhäusern zu kaufen, was für sie käuflich war.
Ja – die einzige Überraschung war, dass Ägypten so gut vorbereitet war. Und warum? Weil ein bescheidener, anonymer ausländischer Sklave in einem Gefängnis seine Fähigkeit bewiesen hatte, Träume zu deuten. Und weil durch eine bizarre Verkettung von Umständen diese Information bis zum Staatsoberhaupt gelangte. Der Pharao stellte diesen Seher und Dolmetscher ein, um seinen eigenen Albträumen einen Sinn zu geben. Hatte Gott die Träume als Warnung geschickt? Joseph sagt Ja. Aber wenn ja, warum? Und warum nicht auch an Jakob oder andere?
Josef wird also befördert (Genesis 41:42), um über die ägyptische Wirtschaft zu herrschen, und das tut er sehr effizient, sogar brutal. Er ist durch seine Zeit im Gefängnis sicherlich abgehärtet worden. Und als eines Tages seine eigenen Brüder unter dem Pöbel der hungrigen, staubigen Reisenden auftauchen, die gekommen sind, um zu kaufen, was immer sie sich leisten können, erkennt er sie wieder und schmiedet einen Plan, um herauszufinden, ob sie sich überhaupt verändert haben. Wären sie bereit, ihren Halbbruder Benjamin aufzugeben, so wie sie bereit gewesen waren, ihn selbst, ihren Halbbruder Joseph aufzugeben, aus Eifersucht auf die Liebe, die ihr Vater diesen beiden Söhnen entgegenbrachte?
Das Spiel das Josef spielt, nimmt mehrere Kapitel in Anspruch, aber – Achtung Spoiler! – am Ende beweisen die Brüder, dass sie tatsächlich ihre Lektion gelernt haben. Josef offenbart sich ihnen und es werden Vorkehrungen getroffen, um die gesamte Familie nach Goschen zu bringen, wo sie etwas Weideland für ihre Herden finden werden.
Ist das ein Happy End? Vorläufig. Joseph traut seinen Halbbrüdern noch immer nicht wirklich, und sie ihm auch nicht. Er hat Söhne mit seiner ägyptischen Frau, er hat sich kulturell assimiliert. Als sein Vater Jakob stirbt, ist Joseph in der Lage, ein Begräbnis in 'der Hejm', in Hebron, zu arrangieren, aber als er selbst stirbt, wird er nach ägyptischer Tradition mumifiziert und in einem Sarg, einem 'Aron', aufbewahrt, bis seine eigenen Nachkommen, die selbst von einem späteren Pharao versklavt werden, der diese Geschichte weder kennt noch sich darum kümmert, endlich fliehen können.
''Mikez'', das erste Wort unseres Wochenabschnitts, bedeutet ''am Ende'' – aber wann endet diese Geschichte jemals wirklich?
Schabbat Schalom
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB. Der Beitrag wurde dort am 23. Dezember 2022 gesendet.
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