PINCHAS
Wie umgehen mit einem "Radikalisierten"?
Auslegung von Rabbinerin Elisa KlapheckDie Tora kannte das Problem des religiösen Eifers sehr gut. Es ist nicht etwa so, dass die jüdische Tradition den Eiferern für Gott Recht gibt. Im Gegenteil. Gerade weil das Judentum auch eine Gesetzeskultur ist, wird ein gewisser Pinchas im vierten Buch Mose als Modell für den problematischen Gotteseiferer angeführt. Der Abschnitt, den wir an diesem Schabbat lesen, ist nach ihm benannt – Pinchas im 4. Buch Mose, Kapitel 25 ab Vers 10.
Es geht um folgende Geschichte, die bereits wenige Verse zuvor, am Ende des Tora-Abschnitts der letzten Woche angelegt ist. Die Israeliten befinden sich auf ihrer Wüstenwanderung im Lande Moab und verfallen der Unzucht mit den dortigen Frauen. Gott bestraft sie mit einer Seuche.
„Da kam ein Mann von den Kindern Israels und führte eine Midianiterin zu seinen Brüdern hin, vor den Augen Moses und vor den Augen der ganzen Gemeinde der Kinder Israels, die am Eingang des Stiftszeltes weinten.“
Es handelt sich um Simri und um die midianitische Prinzessen Kosbi.
"Als aber Pinchas, der Sohn Elasars, des Sohnes Aarons des Priesters dies sah, da erhob er sich mitten aus der Gemeinde und nahm einen Speer in die Hand. Und er folgte dem Israeliten in das Zelt und durchstach beide, den Israeliten und die Frau durch den Leib, da wurde der Seuche unter den Kindern Israels Einhalt getan.“ (6-9)
Gott lobt Pinchas. Zu Beginn unseres Toraabschnitts sagt er zu Moses:
„Pinchas der Sohn Elasars, des Sohnes Arons, des Priesters, hat meinen Grimm von den Kindern Israels abgewendet, indem er an meiner statt in ihrer Mitte seinen Eifer betätigte, so dass ich die Kinder Israels nicht in meinem Eifer aufgerieben habe. Darum sprich es aus: Siehe, ich gebe ihm durch meinen Bund mit ihm Frieden. Dieser Bund soll ihm und seinen Nachkommen nach ihm das Priestertum auf ewig sichern dafür, dass er für seinen Gott geeifert und den Kindern Israels Sühne erwirkt hat.“ (11-13)
Dass Gott mit Pinchas einen besonderen Bund schließt und ihm damit auf ewig das Priestertum sichern will, klingt merkwürdig. Ist Pinchas nicht schon Enkel Aarons, des Hohepriesters, unverbrüchlicher Teil der Priesterelite? Warum meint Gott, Pinchas Priestertum noch einmal bestätigen zu müssen?
Könnte es sein, dass es Stimmen gab, die Pinchas das Priesteramt entziehen wollten? Gab es möglicherweise Kritiker, die sich gegen Pinchas Gotteseifer aussprachen?
Wir haben es bei ihm mit einem „Radikalisierten“ zu tun. Er tritt mit besonderem Eifer für Gott hervor. Während der Krise der „Unzucht“ mit moabitischen und midianitischen Frauen, tötet Pinchas die midianitische Prinzessin Kosbi und ihren israelitischen Geliebten Simri. Er tritt in das Zelt, trifft das Paar in flagranti und stößt den Speer, der beide zusammen durchbohrt. Gott belohnt Pinchas, indem er ihm und seinen Nachfahren auf ewig das Priesteramt zusichert.
Die Rabbinen im Talmud tun sich jedoch schwer mit dieser Belohnung. Sie erkennen bei Pinchas ein kriminelles Element. Es war für die Rabbinen „fast“ ein Mord, den er an Kosbi und Simri begangen habe. Ihn rettet, dass er aus unmittelbarer Empörung, also im Affekt gehandelt habe. Der Talmud konstatiert:
„R. Chisda sagte: Wenn jemand fragen kommt, - also sich über das Verhältnis eines Israeliten mit einer Heidin erkundigt - so entscheide man ihm nicht [demgemäß] – indem man ihn für die Tötung belohnt.“
Demgegenüber habe sich Pinchas nicht erkundigt, sondern aus unmittelbarer Empörung gehandelt. Hätte er sich jedoch zuvor über Simri und Kosbi erkundigt und seine Tat überlegt, wäre es Mord gewesen. Der Talmud erklärt weiter:
„Und noch mehr, wenn Pinchas den Simri erst nach dem Beischlaf getötet hätte, so würde er wegen Mord hingerichtet worden sein – und würde sich Simri sich während des Beischlafs umgewandt und Pinchas getötet haben, so würde er deswegen nicht hingerichtet worden sein, weil er sich gegen einen Verfolger verteidigte.“ (Sanhedrin 82a)
Dass Gott Pinchas ein ewiges Priestertum zusichert, liest sich im Lichte der talmudischen Diskussion nunmehr kritisch. Es klingt, als würde Gott auf den rabbinischen Einwand reagieren. Klar – Pinchas betritt als ein echter Gotteskrieger die Bühne. Aber die Rabbinen sind nicht begeistert von seinem Eifer. Letztlich widersetzt sich ihre Diskussion den Werten, die Gott gutzuheißen scheint.
Was sagt uns das?
Für mich ist diese Episode im vierten Buch Mose, Kapitel 25 eines von vielen Beispielen, wonach die Botschaft der Tora nicht darin besteht, bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott zu zeigen – sondern uns im Konflikt mit ihm zu verstehen und uns darin weiterzuentwickeln. Die Tora beschreibt die Gott-Mensch-Beziehung von Anfang an – seit dem Garten Eden - als eine Konfliktbeziehung, in der sich Gott häufig irrt. Aber er lernt, wie auch die Menschen lernen.
Es ist kein Zufall, dass im selben Tora-Abschnitt, Kapitel 27, ab Vers 18 Gott nicht Pinchas, nicht die Abkömmlinge Aarons, des Hohepriesters zum Nachfolger von Moses bestimmt – sondern den eher bodenständigen Diener von Moses, Joschua ben Nun. Er wird später das Land erobern und im Buch Joschua erneut den Bund zwischen Gott und den Israeliten bestätigen. Subtil erscheint der religiöse Eifer einstweilen als disqualifiziert.
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des rbb. Der Beitrag wurde dort am 7. Juli 2023 gesendet.
25.07.2025 Artikelarchiv >>
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