KI TASRIA - MEZORA
Sühne an der Oberfläche
Auslegung von Rabbinerin Elisa KlapheckDer talmudische Vergleich entstammt einer archaischen Welt. Und doch zeigt er, dass über die Vorstellung vom Frausein noch längst nicht alles gesagt ist.
Die Rabbinen vergleichen die Anatomie der Frau mit der inneren Architektur des Tempels. Das Innerste des Tempels, da wo auf dem Altar das Blut der Opfertiere ausgelassen wurde – da sei im Körper der Frau die zentrale Kammer, in der das Baby entsteht und heranwächst. Im Talmud wurde für die Ehefrau oft der Begriff „Haus“ verwendet. Wenn zum Beispiel der junge, erst 17jährige Rabbi Elasar ben Asarja gefragt wird, ob er das Oberhaupt der Jeschiwa, der Talmud-Akademie, werden will, antwortet er verschreckt: Das will ich erst mit meiner Frau besprechen. Die wörtliche Formulierung im Talmud lautet: „Ich spreche erst mit meinem Haus darüber.“
Das Haus ist aber auch der Ausdruck für den Tempel. Im antiken Hebräisch wird er zumeist als Bajit – als Haus – bezeichnet.
An diesem Schabbat lesen wir zwei Tora-Abschnitte. Tasria und Mezora. Der erste – Tasria, im 3. Buch Moses, Kapitel 12 und 13 – steht im Zeichen der Frau, des Körpers und des Hauses. Es geht um Unreinheit und Aussatz. Letzteres wird im zweiten Abschnitt – Mezora, Kapitel 14 und 15 – weiter ausgeführt. Die Sequenz beginnt zunächst mit Vorschriften für die Frau nach einer Geburt. Nachdem eine Frau geboren hat, ist sie eine bestimmte Anzahl von Tagen unrein. Durch ein kleines Sühneopfer und eine rituelle Waschung kehrt sie am Ende dieser Zeit in die Gemeinschaft zurück.
Es geht hier um eine Bewegung - von innen nach außen - wenn etwas aus dem Innersten der Frau zur Welt kommt.
Leider hat das Wort „unrein“ einen unschönen Beiklang. Es ist aber die große Frage, ob es tatsächlich nur negativ gemeint war. Denn Leben geben ist etwas Positives. Vielleicht treffen unsere Vorstellungen von rein und unrein, als sauber und schmutzig, hier gar nicht zu. Vielleich geht es um den Vorgang von innen nach außen, der Unreinheit schafft – aber auch, wie man von Außen wieder in die Beziehung zum Innen kommt, also rein wird.
Gemeint ist nicht nur die gebärende Frau, die nach einer Frist gereinigt in die Gemeinschaft zurückkehrt. Der Abschnitt „Tasria“ erwähnt auch Menschen, aus deren Körper etwas Negatives hervortritt und die deshalb aus der Gemeinschaft heraustreten – aber durch die Rituale der Tora auch wieder zurückkehren.
Der darauf folgende Abschnitt „Mezora“, auf Deutsch „der Aussätzige“, setzt eine im vorangegangenen Kapitel begonnene Liste von verschiedenen Erscheinungsformen des Aussatzes fort.
Das Kapitel beginnt mit den Worten: „Dies sei die Lehre für den Aussätzigen, am Tage, da er rein wird.“ (14:2) – Also keine Stigmatisierung des Aussätzigen als Verstoßener – sondern vielmehr eine Hervorhebung, wie er rein wird und in die Gemeinschaft zurückkehrt.
Es ist umstritten, welche Krankheiten, welche bakteriellen Phänomene hinter den in der Tora beschriebenen Arten des Aussatzes gestanden haben könnten.
Es geht um Aussatz an den Haarwurzeln – also da, wo die Haare herauswachsen – um Aussatz auf der Haut – aber auch Aussatz an den Wänden des Hauses.
Wenn Aussatz beim Menschen auf der Haut auftritt, bestimmt die Tora, dass er die Gemeinschaft verlassen und sich absondern muss. Der Priester geht zu ihm hinaus und vollzieht mit ihm ein Opfer-Ritual. Danach prüft der Priester, ob der Aussatz zurückgeht. Wenn der Betroffene geheilt ist, bleibt er noch 7 Tage unrein und kann dann in die Gemeinschaft zurückkehren.
Im Falle von Aussatz an einem Haus, muss das Haus 7 Tage verschlossen werden. Wenn das nicht reicht, muss der Aussatz von den Wänden abgekratzt, müssen eventuell die betroffenen Steine herausgezogen werden. Wenn sich der Aussatz trotzdem noch an den Wänden verbreitet, muss das Haus abgerissen werden.
Was hat es mit den mysteriösen Erscheinungen von Aussatz auf sich?
In der späteren rabbinischen Diskussion wird Aussatz als Strafe für üble Nachrede gesehen. Miriam, die Schwester von Moses, wurde aussätzig, nachdem sie schlecht über Moses Frau gesprochen habe.
Irgendwo sagt uns die Bestimmung, dass wir als Menschen, als Häuser, ein innerstes Allerheiligstes haben. Aber das kann aus welchem Grund auch immer von etwas Negativem befallen werden – das macht sich dann an der Oberfläche bemerkbar.
Jedes Haus hat ein Innenleben – z.B. eine Küche für die Ernährung, die Mahlzeit, das Zusammensitzen – aber auch der Ort, an dem Müll und Verderben entstehen. Oder das Schlafzimmer – Ort unserer Intimität und Träume, aber auch des Unterbewussten mit seinen Abgründen.
Das Entscheidende unseres Abschnitts ist nicht der Aussatz selbst, sondern dass er geheilt wird. Interessanterweise setzt die Tora an der Oberfläche an. Nicht das Innerste wird angegangen, sondern das Äußere: die Haut, das Haar, die äußeren Wände. Tiefenpsychologisch gesehen ist etwas im Innersten aus den Fugen geraten. Die sühnende Heilung geschieht jedoch an dem äußeren Symptom.
Wir haben die Vorstellung, dass wir unsere Probleme grundsätzlich, in ihrem Kern lösen müssen. Die Tora macht hier jedoch den umgekehrten Vorschlag – eine Heilung, die außen ansetzt – und nach innen fortwirkt.
Vielleicht passt sie nicht in unsere heutigen Denkvorstellungen – aber vielleicht ist sie dennoch die Lösung für viele Probleme, deren Kern uns verborgen ist – die wir nur an ihren Symptomen an der Oberfläche erkennen.
Schabbat schalom
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB. Der Beitrag wurde dort am 2.5.2025 gesendet.
08.05.2025 Artikelarchiv >>
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