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PEKUDEJ

Bezalel - und die Kunst

Auslegung von Rabbinerin Ulrike Offenberg

Einer meiner Lieblingsplätze in Jerusalem ist der alte Campus der Bezalel-Kunsthochschule
im Stadtzentrum. Hier sind immer Ausstellungen mit anregenden Arbeiten von Studierenden
und Absolventen der Bezalel-Akademie zu sehen. Der bulgarische Bildhauer Boris Schatz
hatte die Schule 1906 gegründet und als ihr Ziel formuliert: „Die Menschen Jerusalems im
Kunsthandwerk auszubilden, eine ursprüngliche jüdische Kunst zu entwickeln und jüdische
Künstler zu fördern, einen visuellen Ausdruck zu finden für die langersehnte nationale und
geistige Unabhängigkeit“.

Der Ursprung der Bezalel-Akademie liegt im Bau des Heiligtums in der Wüste, von dem wir in
der Torah lesen. Eine besondere Rolle bei diesem Projekt kam dem Namensgeber der
Jerusalemer Kunstschule zu, über dessen Berufung es heißt: „Gott hat Bezalel, den Sohn Uris
(…) mit dem Geist Gottes erfüllt, mit Weisheit, Klugheit und Verständnis für jegliche Arbeit,
Pläne zu entwerfen und sie in Gold, Silber und Kupfer auszuführen und durch Schneiden und
Fassen von Steinen und durch Holzschnitzerei allerlei Kunstwerke herzustellen“ (Ex 35,30). Im
heutigen Wochenabschnitt Pekudej lesen wir, dass Bezalel alles so umsetzte, wie Gott es
geboten hatte – mit Kunstverstand und mit großer handwerklicher Geschicklichkeit.

Seither ist Bezalel zum Urbild eines jüdischen Künstlers geworden. Und dennoch wird seit
der Gründung jüdischer Museen und Kunsteinrichtungen wie der Bezalel-Akademie in den
letzten gut hundert Jahren weiterhin heftig die Frage diskutiert: Was ist jüdische Kunst?

Bedeutet das, dass die Künstlerin oder der Künstler jüdisch sein muss? Gelten automatisch
alle von Juden und Jüdinnen geschaffenen Kunstwerke als jüdische Kunst? Oder muss das
Kunstwerk außerdem einen jüdischen Bezug haben? Am Beispiel Bezalels wird immerhin
deutlich, was Kunstschaffende auszeichnet, nämlich ein freier Geist, der Weisheit, Klugheit
und Verständnis vereinigt. Und dazu eine Begabung, Eindrücke und Gedanken zu verarbeiten
und mit Hilfe verschiedener Materialien und Techniken Werke zu formen, die unsere Welt
neu interpretieren. Künstlerinnen und Künstler lassen neue Wirklichkeiten vor uns erstehen.
Mit dieser Fertigkeit kommen sie den schöpferischen Eigenschaften Gottes nahe, und
deshalb hebt die Torah hervor, dass auf Bezalel göttlicher Geist ruht. Auch unsere säkulare
Welt bewahrt ein Bewusstsein von diesem Zusammenhang, indem sie Kunstschaffende als
„Kreative“ (Schöpfer) bezeichnet.

Nicht jeder von uns ist künstlerisch begabt, aber wir alle können uns durch Betrachten von
Kunst anregen lassen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Kunst bedarf nicht nur der
kreativ schaffenden Person, sondern auch der betrachtenden Menschen, in deren Köpfen sie
weitere Gedankenwelten auslöst. Vielleicht gehört zur Definition von jüdischer Kunst neben
der Identität der Künstlerin und dem Sujet des Werks noch ein drittes Merkmal, nämlich der
betrachtende Mensch, der sich über die Kunst zu einem jüdischen Blick auf die Welt anregen
lässt. Kunst ist dann von wirklicher Bedeutung, wenn sie die Herzen und Gedanken bewegt.
In den Werken jüdischer Künstler können wir uns unbekannte Aspekte jüdischer Identität
und Weltsicht entdecken, die uns mit ihrer Kreativität anregen, neue Wirklichkeiten in
unserem eigenen Leben zu schaffen. Es ist Zeit, mal wieder eine Galerie oder eine
Ausstellung zu besuchen…

Schabbat Schalom und Chodesch Tov!

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB. Der Beitrag wurde dort am 4. März 2022 gesendet. 


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