hauptmotiv

WAJISCHLACH

Innerer Kampf

Auslegung von Rabbinerin Gesa Shira Ederberg

Jom Kippur, der Versöhnungstag, liegt zwar schon einige Wochen hinter uns, die Geschichte aber, die wir im heutigen Wochenabschnitt, in der Parascha Wajischlach lesen, ist die Versöhnungsgeschichte schlechthin, wenn es auch bis zum guten Ende sehr lange dauert.

Wir wissen alle, dass Familien nicht nur Sonnenseiten, sondern auch Geheimnisse und Abgründe bergen können. In der an interessanten Verhältnissen gewiss nicht armen Familie, die Sara und Abraham gegründet haben, gibt es aber kaum eine problematischere Beziehung als die der Brüder Jakob und Esaw, Kinder von Jitzchak und Riwka, und Enkel von Abraham und Sara.

Was war geschehen? Jakob hatte sich von seinem Bruder Esaw das Erstgeburtsrecht im Austausch für einen Teller Linsen erkauft und sich dann auch noch den väterlichen Segen erschlichen, indem er sich gegenüber ihrem Vater Jitzchak als sein Bruder Esaw ausgab.

Das tiefe Unbehagen, das der biblische Bericht auslöst, ist auch nicht aufzulösen durch spätere Versuche, Esaw in ein schlechteres Licht zu rücken, und so das Handeln von Jakob besser rechtfertigen zu können. Jakobs Betrug und die krasse Bevorzugung durch die Eltern nimmt denn auch kein gutes Ende. Er muss in die Heimat seiner Mutter fliehen und bleibt dort Jahrzehnte, ohne seine Eltern zu sehen.

Im Laufe der Jahre des Exils heiratet Jakob erst Lea und dann Rachel und ist schließlich sogar imstande, sich finanziell von seinem Schwiegervater zu emanzipieren. Aber auch hier ist sein Verhalten problematisch. Jakob ist mittlerweile reich an Gut und reich an Kindern, er hat materiell etwas aus sich gemacht. Als Charakter aber, auf moralischer Ebene, ist er immer noch nicht weit gekommen, sondern er ist das verwöhnte und egoistische Lieblingskind seiner Eltern geblieben.

Nicht Jakobs freier Entschluss bringt eine Wendung, sondern wieder die äußeren Umstände. Als er nämlich nach langen Jahren der Arbeit für seinen Schwiegervater Laban endlich unabhängig geworden ist, fangen die Söhne seines Schwiegervaters Laban an, schlecht über ihn zu reden und Jakob versteht, dass er vor ihrem Neid fliehen müsse. So wendet er sich schließlich mit seiner ganzen Familie, seinen Knechten und seinem Vieh nach ‚Hause‘.

Als erstes schickt er Boten an seinen Bruder Esaw, um sich höflich und vorsichtig anzukündigen. Doch die Boten kehren zurück mit der Nachricht, dass Esaw sich sofort auf den Weg gemacht habe und sich schon mit vierhundert bewaffneten Männern nähere. Das macht Jakob Angst und er teilt sein Lager, damit nicht all auf einmal vernichtet werden. Auch schickt er Herden zu Esaw, eine nach der anderen, um ihn durch diese Geschenke günstig zu stimmen. Er selber und seine Familie aber bleiben noch zurück. In dieser Nacht sieht sich Jakob mit seinen ganzen inneren Dämonen konfrontiert und ändert sich, sein Leben und das Leben seiner ganzen Familie. Der biblische Bericht findet hierfür das Bild des Kampfes mit einem Engel, der damit endet, dass Jakob den Segen des Engels und einen neuen Namen erhält. Er wird zu ‚Israel‘.

Schon die Entscheidung, in seine Heimat zurückzukehren, als ihm das Land seines Schwiegervaters zu heiß unter den Füßen wurde, mag der erste Schritt gewesen sein. Wir wissen aber nicht, ob es für ihn überhaupt Alternativen gab. Selbst ein reicher Mann ist auf die Unterstützung anderer angewiesen. Diese Nacht jedenfalls hat Jakob geändert. Er versteckt sich nicht mehr hinter anderen, um seine Haut zu retten, sondern stellt sich vor seine Familie, geht Esaw alleine entgegen und legt so sein Geschick in Esaws Hände. Er hat Jahrzehnte keinen Kontakt gehabt und weiß weder, wie Esaw von ihm denkt, noch, wie es seinen Eltern geht. Als er Esaw sieht, verneigt er sich vor ihm und begrüßt ihn.

Dies ist der Moment der Wahrheit und Esaw hat allen Grund, ihm böse zu sein, denn Jakob hat ihn nicht nur um Erstgeburtsrecht und väterlichen Segen betrogen, sondern ihm vor allem gezeigt, dass seine Eltern ihn nicht lieben. In Esaw aber hat das nicht Hass, sondern das Bedürfnis nach geschwisterlicher Nähe ausgelöst. Esaw eilt auf Jakob zu, umarmt ihn, fällt ihm um den Hals und weint. Erst hat er nur Augen und Sinne für seinen so lange abwesenden Bruder. Dann aber fragt er Jakob nach seiner Familie und erkennt damit auch das Leben an, dass Jakob nach ihrer Trennung gelebt hat.

Keine Familie ist perfekt und alle haben auch ihre dunkleren Seiten. Gerade die große Nähe in einer Familie führt auch dazu, dass die gegenseitigen Verletzungen besonders schmerzhaft sind. Sich selbst zu überwinden, alte Verletzungen zurück zu lassen und neu aufeinander zuzugehen, erfordert oft einen inneren Kampf, wie der von Jakob mit dem Engel in der Nacht vor der Neubegegnung mit seinem Bruder Esaw.

Schabbat Schalom

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des rbb. Der Beitrag wurde dort am 15. November 2013 gesendet.


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