hauptmotiv

SCHOFTIM

Wem die Richterrobe gebührt

Auslegung von Rabbinerin Ulrike Offenberg

„Richter und Amtsleute sollst du dir geben in all deinen Ortschaften, (…) und sie sollen dem Volk Recht sprechen mit gerechtem Urteil. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst kein Ansehen kennen und nicht Bestechung nehmen (…). Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, auf dass du lebst.“ (Dtn 16,18-20)

Der Torah-Abschnitt für diesen Schabbat behandelt Vorschriften für die Spitzenpositionen der Gesellschaft. Noch vor König und Priestern, die für die politische und religiöse Führung stehen, werden die Richter angesprochen. Nach biblischer Vorstellung ist ein Richter von Gott beauftragt, Gerechtigkeit auf Erden umzusetzen. Aber der Gerechtigkeit nachzujagen, also Gerechtigkeit unter allen Umständen umzusetzen, ist nichts Abstraktes. Gerechtigkeit ist für den einzelnen Menschen wie auch für die Gesellschaft als Ganzes immer nur konkret erfahrbar, nämlich indem es Wege gibt, auf denen sich Recht einfordern lässt. Alle Menschen sollen Institutionen der Rechtsprechung in Anspruch nehmen können, ohne Rücksicht auf den eigenen Geldbeutel oder die eigene soziale Stellung. Und die Richter sollen ohne Ansehen der Person urteilen. In der rabbinischen Tradition gilt die Errichtung eines Gerichtssystems als oberstes Gebot für Juden wie für Nichtjuden, denn sie ist Voraussetzung für den Bestand einer Gesellschaft in Frieden.

Wir wissen heute den Wert einer unabhängigen Justiz zu schätzen, die sich nicht von politischen Vorgaben oder auch von populistischen Vorstellungen beeinflussen lässt. Es ist ein schwer errungenes und permanent zu verteidigendes Gut von Demokratien. Gerichte, die untrennbar mit dem Herrschaftssystem verbunden sind, produzieren Unrecht. Es ist darum keine Nebensache, dass sich die Torah sogar den Details der Amtsführung von Richtern – und heute würden wir sagen: auch von Richterinnen – widmet. Sie müssen ohne Ansehen der Person richten, dürfen keine Bestechung annehmen, sollen sich nicht von subjektiven Faktoren oder durch Drohungen beeinflussen lassen. Nur dann können Gerichte der Ort sein, wo auf ein gerechtes Urteil zu hoffen ist.

Auf dem Berliner Bahnhof Westend gibt es ein Denkmal für verschiedene Männer und Frauen, die in der Umgebung gewohnt und Widerstand gegen die Nazis geleistet hatten. Sie wurden in Plötzensee hingerichtet oder in Konzentrationslagern ermordet. Es sind lebensgroße Porträts von Menschen in Richterroben – und das ist zunächst irritierend, denn nur wenige dieser hier abgebildeten/erinnerten mutigen Frauen und Männer waren Juristen, wie z.B. Friedrich Weißler, Richard Kuenzer oder Elisabeth Gloeden. Aber auch den anderen Porträtierten, gleich ob sie als Architekt, als Tänzerin, als Schriftstellerin, als Journalist, als Frauenrechtlerin oder in anderen Berufen tätig waren - ihnen allen gebührt die Richterrobe, denn sie hielten die Maßstäbe von Recht und Gerechtigkeit aufrecht, als Gerichte zu mörderischen Instrumenten der Nazipolitik wurden.

Der Prophet Sacharja legt uns an Herz: „Wahrheit und Recht des Friedens richtet in euren Toren“ (Sach 8,16). Ich bin davon überzeugt, dass es in unserer modernen demokratischen Gesellschaft Gewaltenteilung und eine Trennung von Staat und Religion geben muss. Und zugleich ist es im Judentum auch eine göttliche Weisung, Gerechtigkeit in ganz konkrete gesetzliche Vorschriften für das Individuum und die Gesellschaft zu übersetzten. Das ist kein Widerspruch.

Einst stand eine Frau im Gebet vor Gott, ihr Herz war schwer angesichts all des Unglücks auf Erden. Sie rief aus: „Gott, schau auf all das Leid und die Ungerechtigkeit in Deiner Welt. Warum tust Du nichts, warum sendest Du keine Hilfe?“. Und Gott antwortete: „Doch, ich tue etwas: Ich habe dich gesandt“.

Schabbat Schalom!

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB. Der Beitrag wurde dort am 18. August 2023 gesendet.


13.09.2024 Artikelarchiv >>
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