EKEW
Weiterhin die Tora zu erforschen
Auslegung von Rabbiner Nils EderbergIm heutigen Wochenabschnitt Ekew lesen wir, wie Gott sich 40 Jahre um das Volk Israel während der Wüstenwanderung gekümmert hat und wie es sich verhalten soll, wenn es bald an das Ziel der Wanderung kommen wird, das Land Israel. Kurz gefasst enthält es ein Versprechen und eine Drohung. Wenn das Volk Gottes Willen erfüllt, wird es ihm gut gehen, wenn es aber Gottes Willen nicht erfüllt, dann wird es böse ausgehen.
Generationen von Juden haben diese Worte gelesen und nach Lehren für ihr eigenes Leben in ihrer jeweiligen Zeit und an ihrem jeweiligen Ort in ihnen gesucht. Was will Gott von uns? Was ist das Gute, das wir tun sollen und was ist das Böse, das wir nicht tun dürfen? Aber immer haben sich Juden auch die größere Frage gestellt, ob das damit verbundene Versprechen denn überhaupt stimmt, dass es denen gut geht, die Gottes Willen erfüllen, während die, die Böses tun, auch böse enden. Schon das biblische Buch Hiob stellt diese Frage und gibt gleich eine ganze Auswahl von Antworten, die zusammen genommen klar machen, dass unsere Wahrnehmung der Welt anders ist und dass oft die Bösen gewinnen und die Guten leiden.
Biblische Historiker vertreten häufig die Ansicht, dass diese Texte gar nicht vor der Landnahme um das Jahr 1200 vor der Zeitrechnung entstanden sind, sondern die Katastrophe des Exils sechs Jahrhunderte später verarbeiten. Nach dieser Auffassung wird die unfassbare Zerstörung Jerusalems und des Tempels als gerechte Strafe Gottes erklärt. Das Volk Israel hat das Böse getan und deshalb hat Gott es gestraft. Zugleich bedeutet es aber für die Überlebenden im Exil, dass sie eine zweite Chance haben. Das biblische Narrativ deutet die vergangene Geschichte und weist einen Weg in die Zukunft.
Seit ungefähr 200 Jahren leben wir mit einer Fülle solcher Erzählungen, die den heutigen Völkern eine Ursprungsgeschichte geben und damit zugleich das richtige Verhalten in der Gegenwart vorschreiben wollen. „Unsere Vorfahren, die Gallier“ hieß es in Frankreich, wie wir alle durch Asterix wissen. Hermann, der Cherusker, und die Varusschlacht stehen in Deutschland nicht mehr hoch im Kurs, aber fast jedes Land in Osteuropa pflegt seine nationale Ursprungsgeschichte. Gerade erleben wir, wie die Moskauer Umdeutung skandinavischer Krieger und ihrer Kontrolle der Flüsse zwischen Ostsee und Schwarzem Meer vor 1000 Jahren in die Gründung des einen russischen Reiches umgedeutet wird und ein ganzes Nachbarvolk zu abtrünnigen Verrätern erklärt und mit Krieg überzogen wird.
Wir stehen also vor der Frage, was die Tora uns lehrt, wenn wir sie möglicherweise nicht als historisch korrekten Bericht ‚wie es sich wirklich begeben hat‘ akzeptieren können. Hat sie sich erledigt? Ist sie als Lüge enttarnt? Die Frage ist nicht neu und die wichtigste Antwort erklärt die Tora als Bericht, wie das Volk Israel seine Beziehung mit Gott erlebt hat. Dass in der Tora die Erfahrungen vieler Generationen von Freude und von Leid verarbeitet sind und der Versuch gemacht wird, für die jeweilige Gegenwart und die Zukunft Lehren daraus zu ziehen.
So wie die Tora die Erfahrung von Generationen widerspiegelt, so auch die ganze jüdische Traditionsliteratur, die in ihrer Auslegung der Tora nach Lehren für die Gegenwart sucht. Wenn es sich eben nicht um die Anleitung für einen blutigen Eroberungskrieg und die Vernichtung derer handelt, die man im Lande vorfindet, sondern um den Versuch, angesichts von Leid, von Tod und von Vertreibung weiter daran festzuhalten, dass es Gut und Böse gibt und dass wir das Gute tun sollen und es tun können – dann können und sollen wir weiter jedes Wort und jeden Buchstaben der Tora umdrehen und erforschen um Gottes Auftrag zu erfüllen, das Gute zu tun und das Böse zu lassen.
Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des NDR. Der Beitrag wurde dort am 19.08.2022 gesendet.
30.08.2024 Artikelarchiv >>
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