SIMCHAT TORA
Ehre, wem Ehre gebührt
Auslegung von Rabbinerin Yael DeuselSisu ve-simchu be-Simchat Tora u-tnu kavod la-Tora ist ein beliebtes Lied zu den Hakafot, wenn die Torarollen aus dem Aron Hakodesch genommen und in einer fröhlichen Prozession sieben Mal um die Bima getragen werden. Darin ist genau das enthalten, worum es an diesem Tag geht: Der Tora die Ehre zu geben, die ihr gebührt, aber nicht in einer tiefernsten Zeremonie, sondern in Freude über die Lehre des Ewigen und Seine Gebote. Nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder haben Teil an dieser Freude, und es haben sich im Lauf der Zeit dazu viele Minhagim entwickelt. Wir lesen die letzten Verse aus Devarim und beginnen sofort wieder mit der Lesung des ersten Abschnitts von Bereschit.
Warum schließt man den jährlichen Zyklus der Toralesung nicht am Schabbat vor Rosch Haschana ab und beginnt dann erneut? Und warum feiern wir es im Anschluss an Sukkot und nicht zu Schavuot, der Sman matan toratenu, der Zeit, zu der uns die Tora geschenkt wurde?
Rabbi Jacob ben Ze‘ev Kranz, der Maggid von Dubnov (Wilna 1741-1804) erklärt dies damit, dass sich die Benej Jisrael nicht sofort an der Tora erfreuen konnten, da sie diese ja erst einmal genau studieren mussten. Der Maggid vergleicht es in einer Parabel mit einem Brautpaar, das sich zunächst näher kennenlernen müsse, bevor es eine liebevolle Beziehung zueinander entwickeln könne. Damit wird Schavuot zum Tag der Verlobung, während die eigentliche Hochzeit dann zu Simchat Tora stattfinde. Für die Verbindung zu Sukkot findet sich folgende Erklärung: Beides sind Feste großer Freude, heißt es doch ausdrücklich, freue dich an deinem Fest (Devarim 16,14) – „das Fest“, damit ist Sukkot gemeint. Und da wir uns auch an der Tora, an den Geboten des Ewigen er freuen sollen, wird die Freude durch die Verbindung beider Feste verdoppelt.
Kann man sich denn an Geboten erfreuen? Nun, die Tora ist kein bloßes Gesetzeswerk, und sie ist schon gar kein Gesetzbuch. Sie vermittelt uns Ehrfurcht vor dem Ewigen und Regeln für ein gutes Miteinander mit unseren Mitmenschen und den verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt. In diesem Sinn wird die Tora zum Baum des Lebens für alle, die an ihr festhalten (Mischlej 3,18).
In den 1960er Jahren bekam Simchat Tora noch eine zusätzliche Bedeutung. Elie Wiesel beschreibt in eindrucksvoller Weise, wie junge jüdische Menschen in der damaligen Sowjetunion begannen, sich an diesem Tag in großen Gruppen in und um die Synagogen in Moskau und anderen Städten singend und tanzend zu versammeln. Mit diesem „Festival der Jugend“ verliehen sie ihrer jüdischen Identität Ausdruck, sehr zum Ärger der sowjetischen Obrigkeit. Jüdische Jugendliche im Westen erklärten sich solidarisch mit ihren Altersgenossen in der Sowjetunion und demonstrierten für eine freie Religionsausübung und das Recht auf Alija nach Israel. Damit schließt sich mit Simchat Tora, dem Fest der Gesetzesfreude, letztlich der Kreis zu Pessach, der Sman matan cherutenu. Denn Freiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen.
Aus dem ARK-Mitteilungsblatt (15), Hohe Feiertage 2023/5784.
13.10.2023 Artikelarchiv >>
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