hauptmotiv

CHUKKAT

Was wurde aus dem Miriamsbrunnen?

Auslegung von Rabbinerin Ulrike Offenberg

Das Volk Israel steht kurz vor dem Einzug ins Verheißene Land, nachdem es fast vierzig Jahre in der Wüsten herumwanderte. Der Talmud (BT Ta’anit 9a) berichtet, dass die menschliche Führung in dieser Zeit aus drei Menschen bestand und dank ihrer Verdienste das Volk mit Essen, Trinken und Wegweisung versorgt wurde. Diese drei waren Moses, Aharon und Miriam, „und dies waren die Gaben, die Israel ihretwegen zuteilwurden: der Brunnen, die Wolkensäule und das Manna“. Dank Miriam begleitete eine wundersame Wasserquelle den Wüstenzug, ohne die das Volk verdurstet wäre. Moses verdankte sich das Manna, die tägliche Nahrung, die alle am Leben hielt, und den Verdiensten Aharons wird die Wolkensäule zugeschrieben, die vor dem Volk herzog und den Weg anzeigte. Ohne die Führung dieser drei Geschwister wäre das Volk nie aus der Sklaverei befreit worden oder schon nach wenigen Tagen in der Wüste zugrunde gegangen.
Und da lesen wir im heutigen Wochenabschnitt, dass diese Epoche zu Ende geht. Miriam stirbt, und gleich danach heißt es: „Die Gemeinschaft hatte kein Wasser“. Das Volk dürstet und fleht um Wasser, und in dieser hochangespannten Situation angesichts des Tods der Schwester und der Wassernot des Volkes, begeht Moses einen folgenschweren Fehler: Anstatt, wie Gott gesagt hatte, nur zu einem Felsen zu sprechen, um von dort Wasser hervorzubringen, schlägt er mit seinem Stock dagegen. Zwar hat er damit Erfolg: Wasser ergießt sich aus dem Felsen. Aber die Strafe, die er für die ungenaue Ausführung des Gottesbefehls erhält, ist harsch: Er soll nicht in das Verheißene Land einziehen, für diesen entscheidenden Schritt in der Geschichte des Volkes soll jemand anderes die Führung übernehmen. Wenige Verse später erfahren wir auch vom Tod Aharons, der auf den Berg Hor steigt, um dort zu sterben – allerdings nicht, ohne zuvor seine Priestergewänder seinem Sohn El’asar angezogen und somit offiziell ihm die Nachfolge übergeben zu haben.
Der Wochenabschnitt Chukkat markiert die Ablösung der bisherigen Führungsriege. Moses wird seinen Schüler Josua als seinen Nachfolger installieren, Aharon hat das Priesteramt bereits der nächsten Generation übergeben – was aber bleibt von Miriam? Wer oder was wird ihre Führungsposition übernehmen? Die Bibel berichtet uns nichts von Nachkommen, und weibliche Führungsämter gab es in der Geschichte Israels nur sehr wenige. In der mündlichen Tradition heißt es, dass der Miriamsbrunnen das Volk Israel noch bis zur Überquerung des Jordan begleitet habe und dann verschwunden sei. Später sei er immer mal wieder gesichtet worden, mal im Mittelmeer, aber vor allem im See Genezareth. Um diesen Brunnen ranken sich viele Legenden: Aus ihm speisten sich viele Bäche und Wasserquellen, und er habe heilsame Wirkung gehabt. Sogar schwere Hautkrankheiten seien durch Berührung mit diesem Wasser genesen. Es sei Brauch gewesen, dass Frauen nach Ausgang des Schabbat am Samstagabend zum Wasserschöpfen gegangen seien, in der Hoffnung, damit Kranken in ihrem Umfeld Linderung verschaffen zu können. Wenn der Brunnen die Weitergabe von Miriams Führung symbolisiert, drückt sich diese nicht durch ein Erteilen von Befehlen von oben nach unten aus, sondern durch eine Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung.
In einem Lied des israelischen Dichters Joram Taherlew heißt es:
„In Tagen wie diesen, (…)
da wir auf die nächsten Schritte warten
verriegeln wir nicht die Türen,
schließen wir nicht die Augen,
in Tagen wie diesen hören wir zu.
Wer hungrig ist, möge bei uns ein Stück Brot finden.
Wer müde ist, möge hier Schatten und Wasser aus dem Brunnen finden.“
Mögen wir uns dieses Erbe Miriams zu eigen machen: Nicht auf Anweisungen von oben warten, sondern die Augen offenhalten, zuhören, Ermutigung geben, zu einem heilenden Brunnen werden.
Schabbat Schalom!

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Radio Berlin Brandenburg, dort gesendet am 3. Juli 2020.

15.07.2022 Artikelarchiv >>
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