hauptmotiv

WAJELECH

Schabbat Schuwa

Die Lesung des Abschnitts Wajelech fällt immer auf den Schabbat vor Jom Kippur. Wir nennen ihn Schabbat Schuwa, den Schabbat der Umkehr. Diesen Prozess der Umkehr beginnen wir im Monat Elul. Er ist der sechste Monat im jüdischen Kalender. Im siebten feiern wir Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot. Der Monat Elul ist also diejenige Zeit, in der wir uns auf die Umkehr einstimmen. Wenn wir im übrigen Jahr nicht zum Nachdenken über unseren Lebenswandel gekommen sind – im Elul ist Zeit dazu. Jeder ist aufgerufen, in sich zu gehen, sein Seelenleben, seine Taten und Ge-danken im Angesicht des Allmächtigen zu prüfen. Wo sind innere wie äußere Wegkor-rekturen erforderlich? Mit diesen Fragen der Selbstprüfung beginnt die Einstimmung auf den Jahreswechsel.

Hier ahnen wir schon, dass sich die Feier des jüdischen vom christlichen Jahreswechsel deutlich unterscheidet. Der jüdische Übergang vom alten ins neue Jahr ist von Gedanken der Selbstprüfung und Umkehr geprägt. Zunächst stehen bei seiner Feier auch Freude und das Zusammensein mit der versammelten Familie im Mittelpunkt. Doch dann ist das Fest stark von Gefühlen der Ungewissheit geprägt. Man fragt sich: Was wird das neue Jahr bringen? Was wird mir persönlich widerfahren? Werde ich krank oder gar sterben?

Um keine „Altlasten“ ins neue Jahr mit hinüber zu nehmen, ist es daher Sitte, Gott für die Sünden aus dem alten Jahr um Vergebung zu bitten. Wir möchten mit „reiner Weste“ ins neue Jahr gehen. Dazu ist es notwendig, den Weg der Teschuwa, der Umkehr anzutreten.

Möglich ist uns diese Umorientierung, weil Gott, bevor er die Welt erschaffen hat, die Teschuva ins Leben rief. So lehrt es die jüdische Mystik, die Kabbala. Der Schöpfer wusste von seinem Geschöpf, dass es sündigen, dass es sich von ihm entfernen wür-de.  Und auch Mose kündigt in seiner Abschiedsrede den Kindern Israel an: „Ich weiß, dass ihr euch nach meinem Tode sehr versündigen werdet und von dem Wege abweichen, den ich euch geboten habe.“ (5. Mose 31, 29)

Man muss den Mut zu einer tiefgehenden und ehrlichen Selbstprüfung aufbringen. Auch die frommen, die religiös sehr eifrigen Menschen haben Teschuva nötig. Und es fällt auf: Viele reden von der Teschuwa, aber zwischen Reden und dem Vollziehen der Umkehr ist ein himmelweiter Unterschied. Auch wenn sie einfach erscheint, handelt es sich um einen Prozess, den wir über mehrere Schritte vollziehen müssen. Zuerst geht es ja darum, unsere Sünde überhaupt zu erkennen. Wir müssen den Wegpunkt unseres Lebens wieder erreichen, den wir verlassen haben, als wir uns von Gott ab-wendeten. Und so sagen unsere Weisen: Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist groß und seine Kraft ist klein. Die große Schuld des Menschen ist, dass er jederzeit umkehren kann und es nicht tut.

Wenn wir es aber geschafft haben, können wir ein neues Jahr ohne Sünden beginnen und damit Gottes Vergebung erlangen. Der Ewige vergisst den Sünder nicht. Er hat uns mit der Teschuva beschenkt, damit jeder seinen Weg zu ihm zurückfinden kann und ein besseres Leben führt.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 4. Oktober 2019.

17.09.2021 Artikelarchiv >>
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