hauptmotiv

Letzter Tag des Pessachfestes

Von der Befreiung zur normalen Gesellschaft

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Der heutige Schabbat ist ein besonderer Schabbat, denn an ihm feiern wir zugleich den letzten Tag des Pessachfestes. Dies führt zu einigen Änderungen im Gebet der Synagoge. Es führt auch, was für unsere Auslegung besonders wichtig ist, zu einer besonderen Toralesung, denn an den Festen lesen wir nicht den fortlaufenden Wochenabschnitt, sondern eigens für den besonderen Tag ausgesuchte Stücke der Tora. Häufig liest man Texte, die direkt von der Entstehung eines Festes oder von den besonderen Bräuchen handeln, die mit ihm verbunden sind.
Ich möchte heute über einen Teil der Lesung sprechen, der auf den ersten Blick gar nichts mit dem Pessachfest zu tun hat. Pessach ist das Fest der Befreiung: Wir waren Sklaven in Ägypten. Gott aber hat unsere Klage gehört und uns gerettet. Aus Freude über diese Rettung feiern wir seitdem jedes Jahr Pessach. Dabei heißt es ausdrücklich, wer sich nicht selber aus Ägypten gerettet sieht, wer sich aus dieser Gemeinschaft ausschließt, der ist tatsächlich nicht gerettet, der ist immer noch Sklave in Ägypten. Pessach ist nicht nur etwas, was einmal in grauer Vorzeit passierte, sondern es geschieht jedes Jahr und jedes Jahr muss man bereit sein, aus der Sklaverei auszubrechen, muss man bereit sein, sich von Gott retten zu lassen.
Aus der klassenlosen Gesellschaft der entlaufenden Sklaven aber wird im Laufe der Zeit eine normale Gesellschaft mit Oben und Unten. Die Tora reibt sich immer wieder an diesen sozialen Unterschieden, sehnt die Gleichheit herbei, die unter denen herrschte, die nichts hatten. Die Tora ist sich darüber im Klaren, dass unter den Bedingungen dieser Welt soziale Gleichheit unmöglich ist. Sie versucht trotzdem konsequent, für mehr Gleichheit zu sorgen und verweist dabei immer wieder auf die gemeinsame Erfahrung, ganz unten gewesen, Sklave in Ägypten gewesen zu sein.
Neben konkreten Bestimmungen zum Schutz der Armen – etwa dem Gebot, dem Arbeiter seinen Lohn noch am gleichen Tage auszuzahlen, oder dem Gebot, im Gericht das Recht der Witwen, Waisen und Fremden zu schützen –, die in der Tora  immer wieder vorkommen, gibt es im heutigen Abschnitt auch eine Anleitung, wie mit Verschuldeten und wie mit Sklaven aus dem eigenen Volk umzugehen ist. Jedes siebte Jahr, so heißt es, soll ein Erlassjahr sein, in dem die noch ausstehenden Schulden verfallen und in dem die Sklaven freikommen. An anderer Stelle ist sogar von einem alle fünfzig Jahre kommenden Erlassjahr die Rede, an dem aller verkaufter Grund und Boden im Lande Israel wieder an die Familie zurückgeht, die es bei der ursprünglichen Landverteilung nach dem Einzug in das Land Israel erhalten hatte.
Ökonomisch macht dies natürlich wenig Sinn. Einerseits soll man dem, der nichts hat leihen. Andererseits ist klar, dass dies Geld im Grunde verschenkt ist, je näher das Erlassjahr kommt. Die Tora, so scheint es auf den ersten Blick, benutzt nun einen Autoritätsbeweis. Wenn ich es nicht tue, wird Gott mich strafen. Wenn ich es tue, wird Gott mich segnen und es wird mir gut gehen. Wem die Argumente ausgehen, der droht mit höherer Gewalt. Auf den zweiten Blick aber erscheint es gar nicht so widersinnig. Wenn man schon nicht aus Herzensgüte oder aus schlichtem Gehorsam gegenüber Gott auf sein Geld und seine Sklaven verzichten möchte, dann leuchtet vielleicht der Vergleich mit einer Versicherung ein. Jeder zahlt ein bisschen und dafür ist auch jeder davor gesichert, völlig ohne Mittel zu sein und sich als Sklave verkaufen zu müssen. Die nachbiblische Tradition hat dies genauer ausgeführt und vor allem versucht, Extreme zu verhindern. So soll jeder der Gemeinschaft, der eigenen jüdischen wie auch der größeren nicht-jüdischen helfen. Keiner aber darf so viel geben, dass er selbst zum Hilfeempfänger wird.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Runkfunks, dort gesendet am 13.4.2012.

06.05.2016 Artikelarchiv >>
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