Sicherheit ohne Freiheit?
Zu Pessach 5786 / 2026
von Rabbinerin Elisa Klapheck, Vorsitzende der ARK
Man erhält Dinge, die zu einem gehören, oft zwei Mal: das erste Mal geschenkt; das zweite Mal muss man sie sich erarbeiten.
Moses macht es vor. Das erste Mal bekommt er auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln, ohne dass Gott eine Gegenleistung erwartet. Doch als Moses vom Berg hinabsteigt, hat die Bevölkerung bereits ihre Freiheit verspielt und tanzt um das Goldene Kalb. Aus Wut zerschlägt Moses die geschenkten Tafeln. Dann muss er noch einmal hinaufsteigen. Dieses zweite Mal verlangt Gott von Moses, dass er die Gesetzestafeln selbst herstellt. Die dahinterstehende Erkenntnis: Dinge werden nur wertgeschätzt, wenn man etwas dafür tun muss, sie zu haben.
Auch Deutschland bekam die Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg geschenkt. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich herausstellen wird, ob die Freiheit hält.
Die Israeliten haben die Freiheit mehrfach erhalten. Das erste Mal wurde sie ihnen von Gott geschenkt, als er sie mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus der Sklaverei in Ägypten gezogen hat. Dann zeigte sich das Volk in der Wüste mehrfach unwürdig. Der Preis war relativ milde. Es musste erst einmal 40 Jahre in der Wüste irren, damit eine neue Generation heranwachsen konnte, die dann das Land Kanaan erobern musste.
Der Staat Israel wurde ebenfalls nicht geschenkt. Er ist Menschenwerk – erkämpft mit hohem Preis, den seine Bevölkerung noch heute täglich zahlt.
Die Idee eines jüdischen Staates war von vornherein auf Freiheit angelegt. Lihjot am chofschi – „ein freies Volk zu sein“. Auch als Jüdinnen und Juden leben wir in einer Zeit, in der wir herausgefordert sind, die Freiheit aufrechtzuhalten. In diesem Licht sehe ich den Krieg mit dem Iran.
Die Bedrohung durch das israelfeindliche Mullah-Regime ist eine Dauergefahr für die Sicherheit Israels. Für viele Menschen steht Sicherheit oft vor Freiheit. Sie sind bereit eine Diktatur zu akzeptieren, wenn sie ihnen nur Sicherheit garantiert. Das muss uns Juden zu wenig sein. Die Sicherheit muss der Freiheit dienen. Die Freiheit der Iraner muss dabei mit im Paket sein. Einem Krieg, der Sicherheit für Israel schafft, ist zuzustimmen, insofern nicht unter der Hand die freiheitliche Demokratie in Israel ausgehöhlt wird. (Siehe Erklärung der ARK “Gleichberechtigung an der Kotel”)
Ein Krieg, der nicht der Freiheit des jüdischen Volkes dient und zugleich die wenigen positiven Beziehungen mit arabischen Staaten, darunter die der Abraham Accords, leichthin in den Wind schlägt, ist mindestens kritisch zu sehen. Möglicherweise ist ein Krieg gegen das iranische Regime die einzige Option. Aber sie muss die iranische Freiheitsbewegung aktiv einbeziehen. Der Krieg darf nicht so geführt werden, dass die Diktatur im Iran am Ende zementiert wird und Israel das Los der iranischen Freiheitsbewegung gleichgültig ist. Sicherheit ohne Freiheit – ohne unsere eigene Freiheit und auf Kosten der Freiheit anderer – ist keine Option, die wir als Juden hinnehmen sollten.
Unlängst besuchte ich mit meiner Gemeinde das Exilarchiv in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Kann es sein, dass wir die Leistung der Menschen, viele von ihnen Jüdinnen und Juden, die im Exil in den Jahren 1933–1945 die Werte der Freiheit hochgehalten hatten, heute zu wenig würdigen? Wir dürfen sie nicht vergessen. Auch im Berliner Abgeordnetenhaus war eine interessante Ausstellung zu einem ähnlichen Thema zu sehen: Sie widmet sich Abgeordneten jüdischer Herkunft, die ab 1949 im Deutschen Bundestag wirkten. Jeanette Wolf (SPD), die sich für die Entschädigung und Anerkennung der NS‑Opfer einsetzte, und Erik Blumenfeld (CDU), der gegen die Verjährung der NS-Verbrechen kämpfte, stechen heraus. Die meisten anderen kennt man von ihrer „jüdischen“ Seite jedoch kaum. Eine große Leerstelle in unserem Bewusstsein! Wenn wir in diesem Jahr Pessach – unsere Freiheit – feiern, dann sollten wir unbedingt auch dieses Erbe ehren: die vielen Jüdinnen und Juden, die für die Freiheit kämpften – die in Israel eine freie Nation schufen, ebenso wie diejenigen, die in vielen anderen Ländern ihr Leben für die Demokratie einsetzten.
Ich wünsche im Namen der Allgemeinen Rabbinerkonferenz allen Leserinnen und Lesern ein starkes Pessach-Fest!
Chag sameach,
Ihre
Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck
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