Die Anderen brauchen uns
von Rabbinerin Elisa Klapheck, Vorsitzende der ARK
Das Bild der Kerubim, der zwei Engelsgestalten im Allerheiligsten des Tempels, wie sie in der Tora beschrieben und im Talmud erörtert werden, hat mich von jeher fasziniert. Sie stehen mit ihren Flügeln über der Lade mit den zwei Gesetzestafeln.
Der Talmud erzählt: „Wenn die Israeliten an den drei Wallfahrtsfesten in den Tempel zu Jerusalem kamen, da öffnete man vor ihnen den Vorhang [zum Allerheiligsten], und man zeigte ihnen die Kerubim, die in inniger Umarmung waren, und man sagte ihnen: ‚Sehet, eure und Gottes gegenseitige Liebe ist wie die Liebe des Mannes und der Frau.’“ (bJoma 54 a/b)
Weiter erzählt der Talmud, wie später die feindlichen Legionen den Tempel betraten und staunten, im Allerheiligsten die Kerubim in liebender Umarmung zu begegnen. „Resch Lakisch sagte: Als die Nichtjuden in den Tempel drangen und die einander umschmiegenden Kerubim sahen, brachten sie sie auf die Straße hinaus und sprachen: Diese Israeliten, deren Segen Segen ist und deren Fluch Fluch ist, geben sich mit solchen Dingen ab! Sie verachteten sie dann.“
Der Talmud versteht das Bild der Kerubim metaphorisch – als Spiegel der Gesellschaft. Der Tora zufolge sollten die Kerubim einander zugewandt sein: „Und die Kerubim waren darüber, die Flügel ausgebreitet, mit ihren Flügeln den Deckel beschattend und ihre Gesichter einander zugewandt...“ (Ex 37,9)
Doch im 2. Buch Chroniken, wo noch einmal die Geschichte Israels im Zeitraffer erzählt wird, schauten die Kerubim voneinander weg – in den Raum: „Sie standen auf ihren Füßen, das Antlitz nach dem Raume gekehrt.“ (2. Chr. 3,13)
Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Rabbinen im Talmud deuteten die abweichenden Versionen gesellschaftlich. An der Haltung der Kerubim lasse sich ablesen, wie es um den gesellschaftlichen Zustand der israelitischen Bevölkerung bestellt gewesen sei. War es eine gute Zeit – das heißt: befolgte man die Gesetze der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und der Heiligkeit, waren die Kerubim einander zugewandt. In besonders guten Zeiten umarmten sich die Kerubim wie Liebende. War es hingegen eine schlechte Zeit - das heißt: beherrschten Götzendienst, Machtmissbrauch und Gewalt das Geschehen, sahen die beiden Kerubim voneinander weg.
Daran muss ich in unserer Zeit von zunehmender Gewalt, Kriegen und Aufkündigungen des politischen Konsenses oft denken. Wie viele in meinem Umfeld bin auch ich bestürzt darüber, wie sich unsere Welt, unsere Gesellschaft zum Negativen verändert hat – wie hart und unversöhnlich die Fraktionierungen geworden sind. Wir sehen diese Entwicklung weltweit – fest geglaubte Allianzen werden fragwürdig, spalterische Mächte durchwirken den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Demokratie wird porös – die Kerubim sehen voneinander weg. Wir erleben es in Europa, hier gepaart mit wachsendem Antisemitismus, wir sehen immer größere gesellschaftliche Verwerfungen in den USA und wir sehen sie leider auch in der israelischen Gesellschaft. Der Krieg in Gaza ist nicht nur die Konsequenz des palästinensischen Versagens, zu einer Lösung zu kommen – er macht auch die innerisraelischen Spaltungen offenbar. Wir können uns dem nicht entziehen.
Der Talmud warnt. Der Tempel ist nicht an den feindlichen Legionen zugrunde gegangen, sondern an Ssinat chinam – „an grundlosem Hass“ untereinander.
Es ist bezeichnend, dass die Kerubim, das Sinnbild der israelischen Gesellschaft, zu zweit dargestellt sind. Die Haltung des Einen erklärt sich erst im Licht des Anderen – ob sie einander zugewandt oder abgewandt sind, lässt sich erst in der Beziehung zum Anderen feststellen.
Im Judentum wird die Teschuwa. die Sühne und Umkehr zu Gott, nie nur als Privatsache angesehen, sondern immer auch als eine kollektive, man kann sagen, gesellschaftliche Handlung. Wir tun es für uns, wir tun es aber auch für die Anderen, für ein größeres Ganzes. Die Anderen brauchen uns, unsere Teschuwa, wie wir auch ihre Teschuwa brauchen. Teschuwa ist verbunden mit der Forderung, den Bund wiederherzustellen. In diesem Jahr bedeutet das gerade auch, das eigene seelische Rückgrat zu stärken und destruktiven Mächten zu widerstehen.
Editorial zum neuen Jahr 5786, in “ARK-Mitteilungsblatt” Rosch Haschana 2025.
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