Patrilinearität
Erklärung des Vorstands der ARK
Der Vorstand der ARK nimmt mit großer Irritation das von der „Responsa-Kommission der Liberale Rabbinervereinigung“ veröffentlichte Papier „Jüdischer Status und Patrilinearität“ zur Kenntnis. Dieses wurde von Rabbiner Jonah Sievers (Jüdische Gemeinde zu Berlin) „für die Responsa-Kommission“ gezeichnet und auf der Website der Liberalen Rabbinervereinigung veröffentlicht und über den Newsletter verschickt.
Das Responsum ist abzulehnen, da es die Voraussetzungen für eine Parallelstruktur zum Bet Din der Allgemeinen Rabbinerkonferenz schafft. Für die ARK gilt: Jude/Jüdin ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist. Für Kinder jüdischer Väter gibt es den Weg eines erleichterten Giur beim Allgemeinen Bet Din der ARK. Wenn sie den ehrlichen Wunsch haben, ins Judentum einzutreten, werden ihnen keine Steine in den Weg gelegt. Vielmehr werden sie hierbei unterstützt. Das wurde unlängst auf der Website der ARK erneut unterstrichen.
Somit gibt es in Deutschland keine Not, die bisherige Regelung für Menschen mit patrilinear-jüdischer Herkunft zu ändern. Das Responsum von Rabbiner Sievers löst also keine realen Probleme, wenn es den Konsens der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland aufkündigt.
Zum Selbstverständnis der ARK:
2005 wurden die beiden Rabbinerkonferenzen – Orthodoxe Rabbinerkonferenz (ORD) sowie Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) – gegründet, die sich beide im Kontext des Zentralrates der Juden verstehen und von diesem auch vollständig finanziert werden.
Die ARK betont in ihrer Satzung, dass sie sich Klal Jisrael, der Gesamtheit der jüdischen Gemeinschaft, verpflichtet sieht. Das bedeutet, dass ihre liberalen jüdischen Ausrichtungen, so weit es möglich ist, nicht auf einen Bruch mit anderen Positionen des Judentums abzielen. Genau so erwarten wir, dass andere jüdische Richtungen sich bemühen, keine vermeidbaren Konflikte zu eskalieren. Die ORD muss die Existenz des liberalen Judentums innerhalb der vom Zentralrat vertretenen jüdischen Gemeinschaft akzeptieren. Ebenso müssen intern die Mitgliedsrabbiner/innen der ARK, trotz der Verschiedenheit der liberalen und Masorti-Richtungen einen Modus der Zusammenarbeit entwickeln.
Bereits 2003 hat der Zentralrat in einer Resolution allen Mitgliedsgemeinden empfohlen, Juden aus anderen Gemeinden grundsätzlich aufzunehmen, ohne die Dokumente erneut zu prüfen. Das bezog sich in der Folge auch auf die Dokumente (Teudot) des Bet Din der ARK, die gleichberechtigt neben den Dokumenten der ORD anzuerkennen seien, insbesondere in Bezug auf die Konversion (Giur). Die damit angestrebte Rechtsgleichheit ist ein hohes, ein höchstes Gut, das nicht aufs Spiel gesetzt werden darf.
Als im Jahre 2015 die Reformbewegung in Großbritannien, ähnlich wie die Central Conference of American Rabbis(CCAR) bereits 1983, den jüdischen Status von Menschen mit patrilinearjüdischer Herkunft anerkannte, ist dies auch innerhalb der ARK diskutiert worden. Die ARK entschied am 25.11.2015 – mit Blick auf Klal Jisrael - die patrilineare Herkunft nicht einem halachischen jüdischen Status gleichzusetzen. Wohl aber steht patrilinearen Juden der erleichterte Giur offen.
Einer der Gründe war, dass in Deutschland die jüdische Gemeinschaft nicht in konfessionell ausgerichtete Gemeinden (congregations), entsprechend den verschiedenen movements wie in den USA, organisiert ist. Es gilt vielmehr weitgehend das Prinzip der Einheitsgemeinde, in der idealerweise alle Juden/Jüdinnen zuhause sein sollen. Sich der US-amerikanischen und britischen Reformbewegung anzuschießen, hätte das Prinzip von Klal Jisrael in Deutschland in Frage gestellt. Bezeichnenderweise sind die liberalen Juden in Israel und in Kanada ebenfalls nicht der Entscheidung von CCAR und dem britischen Reform movement gefolgt.
Zum Responsum von Rabbiner Jonah Sievers:
Dieses wiederholt in weiten Strecken nur die bereits gängige Praxis des Bet Din der ARK in Bezug auf Kinder jüdischer Väter. Diese können nach der Geburt, sofern die Mutter damit einverstanden ist, zum Bet Din gebracht werden. Wenn es sich um Jungen handelt, müssen sie beschnitten werden. Kinder beiden Geschlechts werden in die Mikwe eingetaucht und gelten dann als Juden mit allen Rechten. Hierfür erhalten sie vom Bet Din der ARK ein Dokument (Teuda). Die Kinder bestätigen später ihren jüdischen Status endgültig mit ihrer Bar- oder Bat-Mizwa-Feier.
Dem gegenüber schlägt Rabbiner Sievers ein Verfahren vor, wonach die Eltern nicht mehr zum Bet Din zu gehen brauchen und das Bet Din der ARK auch nicht mehr die Urkunde ausstellt, sondern „der betreuende Rabbiner, die betreuende Rabbinerin“ vor Ort ohne Einbeziehung der ARK. Die Kopie des Dokumentes soll ebenfalls nicht an das Archiv der ARK (im Zentralratsarchiv, Heidelberg) geschickt werden, sondern allein an die Liberale Rabbinervereinigung.
Das bedeutet, dass neben dem Bet Din der ARK ein Parallelsystem etabliert wird. Dasselbe wird für erwachsene Menschen mit patrilinear jüdischer Herkunft angestrebt. Der/die jeweils betreuende Rabbiner/in „bestimmt“ im eigenen Ermessen, ob er/sie „von der jüdischen Identität der Person überzeugt ist und ihr eine Teuda ausstellt und unterschreibt“. Sollte noch nicht ausreichend Identifikation bestehen, gibt es „ein Programm“. Im Anschluss soll die Person „den jüdischen Status“ vom Ortsrabbiner/ der Ortsrabbinerin erteilt bekommen.
Es ist völlig klar, dass mit dieser Vorstellung, die Autorität des Bet Din der ARK sowie die des Zentralrates der Juden in Deutschland ausgehebelt wird. Auch wird damit die erneute Prüfung von Dokumenten wieder erforderlich, womit schmerzvolle Erfahrungen für die Mitglieder von UpJ-Gemeinden verbunden sein werden, etwa wenn Mitglieder oder ihre Kinder beim Umzug in eine andere Stadt von dortigen liberalen oder Masorti-Gemeinden erfahren, dass sie nicht als Juden anerkannt werden.
Auch wenn in der Fußzeile des Responsums gesagt wird, dass zum „Zeitpunkt seiner Veröffentlichung am 1.7.2025 dieses Responsum noch [herv. v. Verf. dieser Erklärung] nicht die offizielle Position der Liberalen Rabbinervereinigung“ ist und im Weiteren auf jeder Seite am unteren Rand betont wird, dass die halachischen Empfehlungen nicht verpflichtend sind, wird in dem Papier doch zugleich betont, dass in den Gemeinden mit Rabbiner/in, „der Ortsrabbiner über die Interpretation der Halachah“ entscheidet.
Der Vorstand der ARK weist darauf hin, dass die Mitgliedschaft in der ARK voraussetzt, dass sich die Rabbiner/innen an die Beschlüsse der ARK halten. Das bedeutet in Bezug auf das Thema Giur/Konversion, dass sich die Mitgliedsrabbiner/innen mit ihren Giur-Kandidat/innen an kein anderes Bet Din wenden als dasjenige der ARK. Eine Parallelstruktur in Bezug auf die Anerkennung des jüdischen Status zu schaffen, ist vergleichbar mit dem Gang zu einem anderen nicht anerkannten Bet Din.
Rabbiner/Rabbinerinnen, die eigenständig Dokumente/Teudot ausstellen, die den jüdischen Status von patrilinearen Juden bestätigen, ohne dass die Betroffenen beim Bet Din der ARK erschienen sind, verletzen grob die Voraussetzungen ihrer Mitgliedschaft. Die ARK behält sich vor, Maßnahmen gegen diese vorzunehmen.
Der Vorstand der ARK ist überdies sehr enttäuscht darüber, dass es ausgerechnet der jetzt amtierende Organisator des Bet Din der ARK ist, Rabbiner Jonah Sievers, in dessen Verantwortung das von ihm für die Responsa-Kommission der Liberalen Rabbinervereinigung gezeichnete Responsum liegt. Der Vorstand der ARK fordert die Liberale Rabbinervereinigung auf, insbesondere diejenigen Mitglieder, die zugleich Mitglieder der ARK sind, sich eindeutig von dem Responsum zu distanzieren.
Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck – Vorsitzende
Rabbiner Nils Ederberg – 1. Stellvertreter
Rabbiner Dr. Daniel Katz – 2. Stellvertreter
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