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Pessach 5784 / 2024

Trotz der Ungewissheit

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Was ist das Ziel? Der Auszug aus Ägypten bedeutete nicht nur den Weg heraus aus der Sklaverei. Genauso wichtig, ja sogar noch wichtiger war das Ziel – dass es überhaupt ein Ziel gab. Daran scheitern die meisten Aufstände, wenn ihr Ziel, und wie es verwirklicht werden soll, vorher nicht ausreichend in den Blick genommen wird, damit nicht alsbald die alten Mächte wieder greifen.

In der Tora ist das Ziel natürlich die Gabe der Tora am Sinai. Für uns heute liegt darin ein Muster – Auszug aus der Sklaverei, Annahme der Tora, Verwirklichung der Freiheit. Damals brachen wir aus Ägypten auf – heute aus den unfreien Situationen, mit denen wir als Jüdinnen und Juden in der Gegenwart herausgefordert sind.

Aber damit stellt sich zugleich die Frage, wohin es in diesem Jahr gehen soll. Oft wissen wir es genauso wenig, wie die Kinder Israel am Vorabend ihres Auszugs.

In der jüngsten Zeit ist viel Ungewissheit über die Zukunft entstanden. Russlands Angriff auf ein Land, das den Weg in die Demokratie gehen will, allerorts stark gewordene antidemokratische Kräfte, von Trump bis zur AfD, die unsere Freiheit bedrohen.

Auch wir stehen vor einer nebulösen Wand, hinter der wir die Zukunft nicht sehen können. Der Angriff der Hamas auf Israel hat uns sehr schmerzhaft bewusst gemacht, dass selbst die Zukunft Israels im Ungewissen liegt. In diesem Jahr erleben wir das „Wehi sche’amda“ in aller Schärfe. In jeder Generation steht einer auf, um uns zu vernichten. – „Uns“, das heißt diejenigen, die den Weg in die Freiheit gehen. 

Für mich als liberale Jüdin gibt es in diesem Jahr noch ein weiteres akutes Thema: der Konflikt innerhalb des liberalen Judentums, insbesondere um die Zukunft der liberalen Rabbinatsausbildung. Ich frage mich, ob man sich den Vorabend des Auszugs in Ägypten mit vergleichbaren innerjüdischen Konflikten vorstellen muss.

Wurde vorher gestritten, ob man mitgeht oder bleibt?

Indem uns die Tora den Exodus als Erfolgsgeschichte präsentiert, sagt sie uns, dass es möglich ist, alle Differenzen für den gemeinsamen Weg in die Freiheit zu überbrücken – ja dass in diesem Zusammengehen die Kraft freigesetzt wird, die von allen als Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm die Israeliten aus Ägypten zieht, wahrgenommen wird – eine Kraft, durch die sich zugleich das Ziel mit seiner Verwirklichung abzeichnet. Immer wieder erleben wir den Erfolg solcher ungeheuren gemeinsamen Anstrengungen, nicht zuletzt, als vor 75 Jahren der Staat Israel gegründet wurde.

Diese Kraft brauchen wir auch heute angesichts der neuen Bedrohungen. 

Unabhängig von all dem sind unsere Herzen bei den Geiseln in Gaza. Mögen sie schnell befreit werden und ihren Auszug aus größter Finsternis erleben. 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen koscheren Seder, der uns viel Inspiration und Zuversicht gibt. 

Chag sameach!

 

Editorial des ARK-Mitteilungsblatts, Pessach 5784 / 2024

 



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