hauptmotiv

Fülle des Friedens

von Rabbiner Andreas Nachama

Im deutschen Sprachkeis kommt das Wort Frieden vom „Einzäunen“ – ein Friedhof ist ein „eingezäuntes Grundstück“. Das hebräische Wort „Schalom“ stammt von der Wortwurzel „Schin-lamet-mem“, was am besten etwa mit „Vollkommenheit“ übersetzt werden könnte. In anderen Worten: im deutschen Sprachkreis bedeutet „Frieden“, wenn die Grenzen halten, im Hebräischen, wenn auch die, die hinter der Grenze leben, in die Entspannung miteinbezogen sind – im Sinn von „umfassendes Heil“. 

Abgesehen davon, dass „Frieden“ im Sinne von Schalom auch in der Hebräischen Bibel eine große Rolle spielt, haben insbesondere die Rabbinen des Talmud durch Zusatzgebete dazu beigetragen, dass das hebräische Wort Schalom und seine Ableitungen im jüdischen Gebetbuch, sieht man einmal von „Gott“ und „lobpreisen“ sowie Bindewörtern wie „und" ab, zu den häufigsten Begriffen zählen. Dabei bedeutet Frieden – also umfassendes Heil – herzustellen in der jüdischen Tradition zuallererst, die oft gegensätzlichen Positionen zu versöhnen. Das Streben nach einem gewaltlosen Miteinander sehen die rabbinischen Gelehrten des Talmud auf allen Ebenen menschlicher Beziehungen als erstrebenswert an: Frieden solle sowohl zwischen den Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Nachbarn herrschen als auch zwischen Städten und Nationen. 

Gleichwohl verbietet es sich, die Position der jüdischen Tradition als rein pazifistisch zu kennzeichnen. Die rabbinischen Autoritäten kennen den universalen Frieden nur als Verheißung für das messianische Zeitalter, in dem der Krieg als Mittel der Auseinandersetzung verbannt sein wird. Allein schon ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich das Israel des Altertums in zahlreiche Kriege verwickelte. Damit ging aber keine besondere Wertschätzung des Krieges einher: Er galt als ein notwendiges Übel, und die Ausübung des Kriegshandwerks führte zum Ausschluss von Teilen des religiösen Kults. 

Nach dem Verlust der Eigenstaatlichkeit im Jahre 70 u. Z. war das Judentum nicht mehr an gewaltsamen Konflikten zwischenstaatlicher Art beteiligt, und die Frage nach der Rechtfertigung eines Krieges stellte für die Rechtsgelehrten eine vornehmlich akademische Frage dar. Frieden herrscht in den Himmelhöhen bei IHM und ein Abbild dieses himmlischen Friedens erbitten wir von IHM aus den Himmelhöhen hier unten auf der Erde. 

Rabbiner Ernst M. Stein (1929– 2019) hat mich in der Zeit, als ich Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war, vor Vorstandssitzungen immer mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, den Schlom Bajit, den Frieden in der Gemeinde, zu erhalten: „Nachama – tröstlich ist es, drei Schritte zurückzugehen!“ Es ist Tradition, vor der letzten Zeile des 18-Bitten-Gebetes, aber auch des Kaddisch, in der eben von Frieden gesprochen wird, drei Schritte zurückzugehen, denn nur wenn man auch seine eigene Position verändert, kann man zum Frieden beitragen. Mögen die, die über die Beendigung des Kämpfens entscheiden, sich dies zur Devise machen.

 

Editorial des 10. Mitteillungsblattes der ARK zu Pessach 2022 / 5782



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