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Brauchen wir ein Oberrabbinat?

Rabbiner Henry G. Brandt in der Jüdischen Allgemeinen zur Frage, ob dem Judentum eine zentrale Autorität guttut

CONTRA

Bis die Verheißung in Erfüllung gehen wird, dass die Tora von Zion ausgeht und das Wort des Herrn aus Jerusalem, wäre das Zugestehen einer zentralen Entscheidungsvollmacht an das Oberrabbinat von Israel eine Katastrophe für die Einheit der weltweiten jüdischen Gemeinschaft.

Ausschlaggebend für solch eine verdammende Einschätzung ist weniger die mangelnde Verankerung jedwelches Oberrabbinats – in welcher Benennung auch immer – in der jüdischen Tradition, als die Feststellung, dass die Struktur, Besetzung und Amtsausübung des Oberrabbinats Israels in unserer Zeit zu einer verheerenden Spaltung und Zersplitterung der jüdischen Gemeinden führen würde.

Der lamentable Ist-Zustand dieser Institution ist allen, die ideologisch nicht verblendet sind, offensichtlich. Das, was schlussendlich eine hehre spirituelle Instanz sein sollte, hat sich zu einem bürokratischen Kraken entwickelt, der jenseits aller Transparenz und Rechenschaftspflicht das Personenrecht des Staates Israel in seinem Würgegriff hält.

Als Beispiel muss man nur die kürzlich abgehaltenen »Wahlen« der neuen Oberrabbiner von Israel nehmen oder die willkürliche Aberkennung der Autorität und Glaubwürdigkeit bekannter und geachteter orthodoxer Rabbiner aus den USA.

Näher zu Hause erinnert man sich an die unerbetene und mit unseren führenden politischen Instanzen nicht abgesprochene Intervention eines der israelischen Oberrabbiner in die Beschneidungsdebatte. Die Nichtbeachtung und Ausgrenzung der millionenfachen Mitgliedschaft der nicht orthodoxen Gemeinden weltweit ist belegte Tatsache.

Auf breiterem Horizont kommt hinzu, dass eine hierarchische Struktur dem Judentum eigentlich fremd ist und eine Art von nachahmender Neuerung darstellt, auf die wir gut verzichten können. Ein schlagender Beweis, dass nicht jede Reform hilfreich ist: Die meisten großen wie auch kleineren jüdischen Gemeinden, zum Beispiel Russland, Polen, Deutschland, die USA et cetera hatten nie ein Oberrabbinat.

Da, wo solche Institutionen entstanden, wurden sie meist von der weltlichen Herrschaft eingesetzt, öfters zwecks leichterer Kontrolle und Kommunikation mit der untergebenen Judenheit und für das Einsammeln der den Juden auferlegten Steuern.

Dort, wo man in jüdischen Gemeinden Autoritäten anerkannte und ihre Entscheidungen annahm und befolgte, geschah dies freiwillig aufgrund deren Gelehrsamkeit, Weisheit und offensichtlicher Liebe zu G’tt und Israel. Sie waren charismatische und überzeugende Persönlichkeiten.

Weder Raschi noch der Rambam trugen den Titel »Oberrabbiner«. Auch nicht der Baal Schem Tov, der Gaon von Wilna (Elijah Ben Salomon Salman), Leo Baeck (liberale Führungsfigur und wichtigster Repräsentant des deutschen Judentums im 20. Jahrhundert) oder Samson Raphael Hirsch (führender Vertreter der deutschen Orthodoxie im 19. Jahrhundert).

Selbstverständlich muss der Umstand, dass nun in Israel wieder ein freier jüdischer Staat existiert, in das Gesamtbild einfließen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass mit sofortiger Wirkung und auf wunderbare Weise die geballte Weisheit des Judentums sich nach dort – und nur nach dort – verlagert hat, ist aberwitzig und augenscheinlich unwahr.

So ist es in der Politik und desto mehr im unübersichtlichen Meer der Religionen und des Glaubens. Aus den Anfängen der Verwirklichung der zionistischen Hoffnung das verbriefte Recht eines willkürlich eingesetzten Oberrabbinats Israels als die universell oberste religiöse Entscheidungsmacht des Judentums abzuleiten, hat keinerlei Fundament in jüdischer Lehre, Tradition und Erfahrung. Wir sind bisher über Jahrtausende gut ohne solche hierarchischen Strukturen gefahren. Belassen wir es dabei.


Erschienen am 8.5.2014 in der Jüdischen Allgemeinen.

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