„Der Laden läuft“ – sagt der neue Koordinator des Bet Din
Rabbiner Max Feldhake ist seit Dezember 2025 der Koordinator des Bet Din der ARK. Er kam für seine Rabbinatsausbildung nach Potsdam. Seit mehr als zehn Jahren bereichert er das liberale Judentum in Deutschland in verschiedenen Funktionen. Im Gespräch mit Dr. Esther Graf erläutert er, was er über deutsches Judentum gelernt hat und vor welchen Herausforderungen er das jüdische Leben sieht.Esther Graf: Rabbiner Feldhake, Sie haben am Abraham Geiger Kolleg Ihre Rabbinatsausbildung gemacht. Warum haben Sie sich für Deutschland entschieden?
Max Feldhake: Zunächst aus ganz naiven Gründen. Es gibt ein bestimmtes Narrativ, das in den Vereinigten Staaten sehr verbreitet ist, was jüdisches Leben in Deutschland und Europa angeht. Nämlich, dass wir seit Ende des Kalten Krieges und seit der Wiedervereinigung eine Renaissance jüdischen Lebens erleben. In Deutschland wird man gebraucht. Dieses Narrativ ist in bestimmten Kreisen sehr verbreitet. Tatsächlich wollte ich sofort nach der High School nach Deutschland kommen, um hier zu studieren. Und schlussendlich kam ich dann 2012 für das Rabbinatsstudium nach Potsdam.
EG: Warum wollten Sie Rabbiner werden?
MF: Ich hatte Vorbilder. Ein Vorbild war die Rabbinerin meiner Heimatgemeinde, dann an der Uni der Hillel-Rabbiner Barton Lee, זיכרונו לברכה/sichrono liwracha. Ich wollte zunächst mein eigenes Wissen vertiefen, in das Textstudium eintauchen. Erst viel später kam die Verantwortung für eine Gemeinde dazu. Heute sind mir die Menschen am wichtigsten und wie man eine Gemeinde aufrechterhält.
EG: Woher stammen Ihre hervorragenden Deutschkenntnisse? Haben Sie Deutsch in der Familie gesprochen?
MF: Nein, nicht mehr. Ich habe mit 13 in der neunten Klasse mit einer Lehrerin aus meiner Highschool begonnen Deutsch zu lernen. Tatsächlich war sie Spanischlehrerin, aber kam aus Israel und hat Deutsch als Muttersprache gesprochen. Ich hatte zweimal die Woche Privatunterricht bei ihr.
EG: Was haben Sie seit 2012 über jüdisches Leben in Deutschland bzw. in Europa gelernt?
MF: Dass es jüdisches Leben hier bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gab und lange vor der Wiedervereinigung. Rabbinerin Klapheck und andere sogenannte alteingesessene Kolleg/innen sind Paradebeispiele dafür. Das amerikanische Narrativ ist gut gemeint, aber es ist ziemlich bevormundend den hiesigen Gemeinden gegenüber. Amerikaner und Israelis müssen jüdisches Leben in Europa nicht retten – dafür aber gerne Partner und Verbündeter im כלל ישראל/Klal Israel sein.
EG: Hauptberuflich sind Sie beim Jüdischen Studienwerk ELES (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk) tätig. Was sind Ihre Aufgaben?
MF: Ich bin einerseits der liberale Rabbiner bei ELES und amtiere neben meinem orthodoxen Kollegen Schaul Friberg, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite. Andererseits bin ich Projektleiter des sogenannten Jewish Future Forums. Das ist ein Programm mit zwei Aufgaben: Zum einen betreue ich die Rabbinats- und Kantoratsstudierenden, die keine deutschen Staatsbürger sind, und zum anderen kümmere ich mich um die jüdischen Studierenden aus dem Nicht-EU-Ausland. Ich leite aber auch Schabbatot und veranstalte Seminare.
EG: Seit Dezember 2020 sind Sie Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Celle. Wie würden Sie diese Gemeinde beschreiben?
MF: Wir sind eine kleine, unheimlich feine Gemeinde. Wir haben um die 50 Mitglieder, und ich würde sagen, für eine so kleine Gemeinde haben wir ein unterhaltsames, abwechslungsreiches Programm. Eine Besonderheit bei uns ist, dass auch viele Israelis aus Hannover und der Umgebung kommen. Abwechselnd mit Kantorin Aviv Weinberg bieten wir zweimal im Monat Schabbat-Gottesdienste, die Gottesdienste an den anderen Feiertagen gestalten wir gemeinsam. Zusätzlich gibt es Schiurim, einen Hebräischkurs und Konzerte. Vor kurzem hat die Kantorin einen Gemeindechor gegründet. Wir hatten schon Bar und Bat Mizwa-Feiern, leider auch schon Beerdigungen, aber noch keine Hochzeit. Die Gemeinde ist neben den Aktivitäten einer jüdischen Gemeinde sehr engagiert im Celler Netzwerk gegen Antisemitismus.
EG: Und wie läuft die Zusammenarbeit in der Gemeinde?
MF: Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand und dem Vorsitzenden ist eine große Freude. Ich bin stolz darauf, dass es so harmonisch läuft. Die Gemeinde ist wie eine kleine erweiterte Familie. Inzwischen sind wir auch Mitglied von JLEV (Jüdischer Liberal-Egalitärer Verband) unter dem Dach des Zentralrats. Uns ist es sehr wichtig, uns im Kontext des Zentralrats und des Bet Din der ARK zu verstehen.
EG: Seit Anfang dieses Jahres sind Sie außerdem Koordinator des Bet Din der ARK. Welche Aufgaben fallen Ihnen da zu?
MF: Der Koordinator muss den Überblick über die Termine und Aktivitäten des Bet Din haben. Als Koordinator bin ich dafür zuständig, gemeinsam mit unserer wunderbaren Sekretärin die Sitzungen des Bet Din vorzubereiten. Das heißt konkret, die Anträge von Kolleginnen und Kollegen entgegenzunehmen, diese zu überprüfen und zu gucken, wann sie terminlich behandelt werden können, die Te’udot (Giur-Dokumente) auszufüllen und die Sitzungen zu leiten.
EG: Und wo tagt das Bet Din?
MF: In der Vergangenheit fanden die Sitzungen fast ausschließlich in Berlin und Frankfurt statt. Da wir aber für das liberale Judentum in der gesamten Bundesrepublik zuständig sind, beschloss der ARK-Vorstand, das Bet Din dezentraler zu gestalten. Das bedeutet, dass ich Gemeinden finden musste, die über eine Mikwe verfügen und, falls sie eine orthodox geprägte Einheitsgemeinde sind, bereit sind, unserem liberalen Bet Din einen Raum zu geben. Glücklicherweise haben uns Gemeinden wie Oldenburg, Bad Segeberg bei und Mannheim sehr zuvorkommend behandelt. Demnächst haben wir ein Bet Din in Bamberg. Auf diese Weise bekommen mehr Gemeinden die ARK und ihr Bet Din mit.
EG: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die deutsch-jüdische Gemeinschaft in der Zukunft?
MF: Der politische Extremismus sowohl von rechts als auch von links. Mein Wunsch ist, dass wir bei allen Meinungsverschiedenheiten und Differenzen endlich mal innerjüdisch verstehen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Wir steuern auf eine ungewisse Zukunft zu und um mit diesen äußeren Bedrohungen besser umgehen zu können, ist es so wichtig, dass wir uns intern stärken.
EG: Sehen Sie trotz der bedrohlichen Situation von außen auch positive Entwicklungen?
MF: Ja, auf jeden Fall. Die ARK existiert weiterhin trotz polarisierender Konflikte in der Vergangenheit. Sie nimmt ihre vielfältigen Aufgaben bundesweit wahr und das Bet Din arbeitet gut. Äußerst positiv finde ich die Gründung von JLEV unter dem Dach des Zentralrats. Trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen würde ich sagen, es läuft. Der Laden läuft.
Zur Person:
Rabbiner Max Feldhake, 1988 in Phoenix/Ohio geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik (B.A.) an der Arizona State University in Tempe und anschließend Jüdische Theologie an der Universität Potsdam (M.A.). Am Abraham Geiger Kolleg ließ er sich zum Rabbiner ausbilden und erhielt 2020 seine Smicha (Ordination). Kurzzeitig war Feldhake als Berater im Referat für Religion und Außenpolitik des Auswärtigen Amtes tätig, bevor er im Dezember 2020 Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde Celle e.V. wurde. Seit Januar 2021 ist er Rabbiner und Projektleiter des Jewish Future Forum beim Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e.V.
Rabbiner Max Feldhake ist Mitglied der Central Conference of American Rabbis und der Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland.
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