hauptmotiv

100 Jahre World Union for Progressive Judaism

Wir erinnern an die Gründerin Lily Montagu

von Esther Graf

Lilian Helen Montagu, genannt Lily, war laut Jewish Women’s Archive „die erste Frau, die eine führende Rolle im Reformjudentum spielte“. Geboren 1873 in London wuchs sie als sechstes von zehn Kindern in einer großbürgerlichen, orthodoxen Familie auf. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren gelangte sie zu der Überzeugung, dass die Orthodoxie Frauen kaum Raum für religiöse Selbstentfaltung bietet. Gemäß ihrem Leitsatz „Wir können nicht mit dem Herzen unserer Eltern beten“ befasste sie sich mit Möglichkeiten einer feministischen Modernisierung. Sie gründete einen Verein mit, der jüdischen Mädchen aus der Arbeiterklasse ermöglichte, sich durch Kurse, Schabbatgottesdienste und andere Aktivitäten sozial, intellektuell und spirituell weiterzuentwickeln. Die von ihr geleiteten Gottesdienste fanden auf Englisch statt, umfassten Predigten zu Themen, die ihrer Meinung nach für die Mädchen wichtig waren und behielten nur jene traditionellen Gebete bei, die ihrer Ansicht nach „für moderne Juden und Jüdinnen unter den tatsächlichen Lebensumständen Bedeutung“ hatten. Von 1890 bis 1909 leitete sie ähnliche Gottesdienste für Kinder in der Synagoge, die auch von Frauen gut besucht waren.

Der jüdische Gelehrte und Verfechter des liberalen Judentums Claude Montefiore bestärkte sie in ihrem Bestreben, das englische Judentum zu beleben, indem sie es neu definierte. 1899 veröffentlichte Montagu im „Jewish Quarterly Review“ einen Aufsatz über die „spirituellen Möglichkeiten des Judentums heute“. In diesem Aufsatz forderte sie alle religiös engagierten Juden auf, sie bei der Gründung eines Vereins zu unterstützen, dessen Ziel es war, das religiöse Leben der anglo-jüdischen Gemeinde durch die Verbreitung liberal-jüdischer Lehren zu stärken. 1902 gründete sie zu diesem Zweck die Jewish Religious Union (J.R.U.), die Schabbatgottesdienste nach liberal-jüdischen Grundsätzen abhielt und Montagus Lehren  verbreitete. Als sich abzeichnete, dass es nicht gelingen würde, alle religiös engagierten Juden in einer einzigen Union zu vereinen, wandte sich Montagu allein der Förderung des liberalen Judentums zu. Sie half beim Aufbau liberaler Synagogen in ganz Großbritannien, wobei sie häufig als Vorsitzende oder Präsidentin fungierte, und ab 1928 als Laiengeistliche in der West Central Liberal Jewish Congregation amtierte.

Lily Montagu hatte 1925 die Idee einer internationalen Vereinigung liberal-jüdischer Gemeinden. Ein Jahr später wurde die World Union for Progressive Judaism gegründet. Neben Lily Montagu zählen sechs Männer zu den Gründer/innen. Montagu führte die Geschäfte und organisierte die erste internationale Weltunionskonferenz 1928 in Berlin. Im Rahmen eines Gottesdienstes auf der Konferenz predigte Lily Montagu als erste Frau in einer deutschen Synagoge auf Deutsch. Dank ihres Engagements stieg die Zahl der Mitglieder stetig. Aber obwohl die Weltunion ihre Idee war und sie die Geschäfte über sehr lange Zeit führte, dauerte es Jahrzehnte, bis sie an der Spitze stehen durfte. Erst als Leo Baeck 1955 aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, wurde sie zur Präsidentin der Weltunion gewählt. 1959 wurde der Hauptsitz der Weltunion in die USA verlegt und Lily Montagu zur Ehrenpräsidentin auf Lebenszeit ernannt sowie zur Vorsitzenden des neu gegründeten europäischen Vorstands der Union gewählt.

Hoch betagt starb sie im Alter von 89 Jahren und wurde, Ironie der Geschichte, nach streng orthodoxem Ritus neben ihren Eltern auf dem Friedhof in Edmonton, Middlesex, begraben.

Die Dokumentation der Gründungsversammlung der WUPJ zum Download: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/109055
Weitere Informationen zum Jubiläum und der WUPJ: https://wupj.org/


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