Mut zur Haltung: Das Rabbinat in Zeiten von Konflikt und Polarisierung
von Rabbinerin Natalia VerzhbovskaEinmal im Jahr treffen sich Mitglieder der Allgemeinen Rabbinerkonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz zu einem Gedankenaustausch mit Bischöfen und Bischöfinnen der katholischen und evangelischen Kirchen. In diesem Jahr fand das Treffen am 9. März unter dem Titel „Zwischen Religion und Politik: Haltung zeigen“ in der Synagogengemeinde Köln statt. Die Vertreter der Kirchen und Rabbinerkonferenzen tragen jeweils ein Statement vor, über das im Anschluss diskutiert wird. Für die ARK sprach Rabbinerin Natalia Verzhbovska (Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld).
„Sei von den Schülern Aarons: Liebe den Frieden und jage dem Frieden nach, liebe die Menschen und bringe sie der Tora näher.“ (Pirkei Avot 1,12)
Als Gemeinderabbinerin erlebe ich hautnah, wie die Turbulenzen politischer Instabilität sowie Kriege und Konflikte das Leben vieler Menschen erschüttern und wie sich das Klima innerhalb der jüdischen Gemeinschaft verändert – Erfahrungen, die derzeit viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Rabbinat teilen. Die Haltung gegenüber der Gemeinde und Synagoge wandelt sich spürbar. Für viele sind sie zu einem Zufluchtsort geworden – einem Raum, in dem Sorgen und Gedanken geteilt oder zumindest für einen Moment die Last der äußeren Wirklichkeit abgelegt werden können. Andere hingegen ziehen sich aus Angst zurück, verbergen ihre Zugehörigkeit, um sich selbst und vor allem ihre Kinder vor antisemitischen Anfeindungen zu schützen.
Zwei Begegnungen aus meinem rabbinischen Wirken haben mir diese Spannbreite besonders deutlich vor Augen geführt.
Vor vielen Jahren saß ich nach einem Gottesdienst in Berlin mit einem älteren Gemeindemitglied zusammen – einem Holocaustüberlebenden, Professor und politischen Aktivisten. Begeistert sprach ich über die Predigt, die aktuelle politische Entwicklungen mit jüdischen Quellen in Verbindung gebracht hatte. Seine Antwort überraschte mich. Er sagte, er wünsche sich, dass die Wirbel des Lebens nicht durch die Türen der Synagoge treten. Die Synagoge sei für ihn ein Schutzraum – ein Ort, um Gedanken und Gefühle mit Gott zu verbinden und Kraft zu schöpfen, gegen die Ungerechtigkeit im äußeren Raum bestehen zu können.
Jahre später begegnete mir eine gegenteilige Erwartung: Nach einem Gottesdienst sprach mich eine Frau an und sagte: „Ihre Predigt war inspirierend — aber ich hätte mir gewünscht, dass Sie auch zur aktuellen Situation in Israel Stellung beziehen.“ Die Frau brauchte den Ort der Gemeinde, um die Wirbel des Lebens zu verarbeiten.
Wir erleben eine zunehmende Polarisierung der Meinungen – sowohl in unserer Gesellschaft insgesamt als auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst –, und man kann den Zerfall von Beziehungen beobachten, die über Jahrzehnte hinweg zwischen unterschiedlichen religiösen Gruppen mühsam aufgebaut wurden. Enttäuschung, Verzweiflung und Unsicherheit führen dabei häufig dazu, dass Religionen für diese Konflikte verantwortlich gemacht werden – manchmal sogar die eigene – oder sie zumindest als Mitakteure aggressiver Politik wahrgenommen werden.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Welche Rolle und welche Botschaft bringen Geistliche in ihre Gemeinden ein? Und was geschieht, wenn persönliche Erfahrungen und politische Überzeugungen in Spannung zu den Stimmen und Empfindungen der Gemeindemitglieder geraten?
Ich bin davon überzeugt, dass die entscheidende Herausforderung darin besteht, ob wir als Geistliche den Mut und die Courage haben, uns nicht hinter neutralen Formulierungen zu verstecken, die eine Harmonie nur scheinbar bewahren, sondern die Dinge – dazu gehören auch politische Entwicklungen – klar beim Namen zu nennen – auch dann, wenn dies unangenehm ist und Spannungen erzeugt. Wir stehen für die Bewahrung der Werte unserer offenbarten heiligen Schriften, deren Botschaft in verwirrenden Zeiten oft zu verblassen droht.
Denn Menschenhass bleibt Menschenhass – auch dann, wenn etwa Rechtspopulisten und Extremisten aller Art ihn hinter dem Mantel eines vermeintlichen Kampfes für Gerechtigkeit verbergen. Und die Nächstenliebe – so sehr sie in den letzten Jahren auch zum Klischee geworden sein mag – bleibt dennoch die unverzichtbare Grundlage für Dialog, gegenseitiges Verständnis und die Überwindung von Konflikten. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern.
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