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„Ich würde auch mit AfD-Wählern diskutieren“

„Wie wollen wir leben?“ Der liberale hannoversche Rabbiner Gábor Lengyel spricht über Kritik an Israel, über die Last, deutsch zu sein – und über die Notwendigkeit, andere Meinungen auszuhalten
   
Herr Rabbiner Lengyel, weltweit nehmen jüdische Menschen den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober als so erschütternde Zäsur wahr wie beispielsweise Amerikaner den 11. September 2001. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Als ich die Nachricht erfuhr, konnte ich es nicht fassen. Fünfzig Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg wieder ein Überraschungsangriff! Ich habe bis 2 Uhr nachts vor dem Bildschirm gesessen und die Nachrichten verfolgt. Seither führe ich jeden Tag ein Tagebuch über die Entwicklung und wie ich sie wahrnehme.

Haben Sie Solidarität seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft vermisst?
Ein befreundetes christliches Ehepaar hat spontan gefragt, ob meine Frau und ich bei ihnen schlafen möchten, damit wir nicht allein sind. Das hat mich sehr berührt. Abgesehen davon hätte ich einerseits – wie viele jüdische Menschen – mehr Mitgefühl erwartet. Viele spürten ein „lautes Schweigen“ in ihrer Umgebung. Doch andererseits frage ich mich auch, ob ich da nicht zu viel verlange.

Wie meinen Sie das?
Vielleicht haben wir einfach zu hohe Erwartungen. Angesichts der vielen Krisen in der Welt sind viele schlicht überfordert. Die Empathie, die wir alle aufbringen können, ist endlich. Das ist nicht schön, aber es ist menschlich. Juden in der ganzen Welt sehen Israel als sicheren Hafen bei Verfolgung. Andere können das emotional kaum nachempfinden. Warum soll mein Leid wichtiger sein als zum Beispiel das Leid von Muslimen in Gaza oder von Menschen in der Ukraine? Gibt es eine Hierarchie des Leidens? Solche Fragen treiben mich um.

Unabhängig davon ist Antisemitismus auf dem Vormarsch. Und bei Veranstaltungen wie der Berlinale wird Israel heftig kritisiert.
Ich sage oft: Antisemitismus ist nicht mein Thema. Es ist vielmehr ein Thema der gesamten Gesellschaft, die darauf Antworten finden muss. Drei Tage nach dem barbarischen Hamas-Angriff sprach ich mit einigen Politikern. Dabei konnte ich schon vorhersagen, dass von der Sympathie für Israel nicht viele bleiben würde, weil die Armee massiv zurückschlagen würde. Und genauso ist es gekommen. Dabei kritisiere ich auch die israelische Regierung.

Wie sehen Sie deren Politik?
Zu meinem großen Leidwesen wird das demokratisch gewählte Parlament, die Knesset, mit großer Mehrheit von Ultraorthodoxen und Nationalisten dominiert. Mein Israel ist immer weiter nach rechts gerückt. Die Regierung ist schon seit Jahren blind gegenüber den Bedürfnissen der Palästinenser. Sie hat alles getan, damit kein palästinensischer Staat entsteht. Diese Politik ist jetzt gescheitert. Allein dass jetzt die Zerschlagung der Hamas Priorität hat vor der Befreiung der Geiseln zeigt, dass die Regierung in Wut handelt – zur Freude der Hamas. Wenn Hass regiert, entspricht das genau dem Drehbuch der Terroristen.

Fürchten Sie nicht, bei solchen Äußerungen Beifall von der falschen Seite zu bekommen?
Die Gefahr gibt es schon, es ist ein schmaler Grat. Als ehemaliger israelischer Soldat und als Mensch, der als Kind die Shoah überlebt hat, habe ich natürlich ein Privileg. Ich kann es mir erlauben, nicht das Sprachrohr der israelischen Regierung zu sein. Trotzdem sage ich auch zu christlichen Freunden: Wenn eure Freundschaft echt ist, erwarte ich nicht nur blinde Unterstützung, sondern kritische Loyalität mit Israel – auch im Sinne all derer, die dort gegen die ultrarechte Regierung auf die Straße gehen. Das Land ist – wenn auch nur außerhalb der besetzten Gebiete! – prinzipiell immer noch ein liberaler Staat, auf den man stolz sein kann.

Können Sie verstehen, dass gerade Deutsche sich schwer mit Kritik an Israel tun?
Ich weiß, wie schwierig es sein kann, deutsch zu sein. Die Shoah, sechs Millionen Ermordete – das ist eine kaum tragbare Last. Trotz aller Befangenheit bitte ich aber die nicht jüdischen Freundinnen und Freunde: Äußert frei eure Meinung! Macht keinen Bogen um schwierige Themen! Und sprecht mit uns Juden auf Augenhöhe, ohne Angst, als antisemitisch abgestempelt zu werden!

Rechtsradikale, die vor der „Antisemitismuskeule“ warnen, könnten so etwas womöglich gerne hören …
Jeder pickt sich eben gerne die Aussagen heraus, die ihm in den Kram passen. Wenn das geschieht, muss man widersprechen! Ein Problem heute ist, dass jeder nur das hört, was er hören will. Dabei fragmentiert sich unsere Gesellschaft in feste, kleine Gruppen. Ich bin Gastdozent im Islamkolleg Osnabrück und ich bin im jüdisch-christlichen Dialog aktiv. Überall sage ich: Lest nicht nur, was eure Meinung bestärkt, sondern gerade das, was euren Horizont erweitert.

Praktizieren Sie selbst das denn auch?
Ich versuche es jedenfalls. Ein Beispiel: In israelischen Medien geht es jetzt oft um getötete Soldaten und deren Angehörige, die stolz darauf sind, dass ihre Söhne für die Freiheit gefallen sind. Wenn ich auf palästinensische Sender umschalte, sehe ich: Auch dort geht es jetzt oft um getötete Kämpfer, deren Angehörige stolz darauf sind, dass ihre Söhne für die Freiheit gefallen sind. Exakt dasselbe Bild. Glauben Sie mir: Es lohnt sich, umzuschalten. Auch wenn ich dabei meine eigene Zerrissenheit spüre.

Sie haben das sogenannte Tandem-Projekt initiiert. Dabei gehen Sie gemeinsam mit einer jungen Muslimin in Schulen und sprechen mit Jugendlichen über Demokratie und Toleranz. Wie ist die Resonanz?
Das Interesse ist groß. Wir bitten die Jugendlichen ganz frei zu sprechen. Es ist wichtig, ihnen Demokratie vorzuleben und ihnen auch positive Vorbilder aus der Geschichte zu geben: etwa die friedliche Revolution aus der DDR oder den mutigen Liedermacher und Dissidenten Wolf Biermann. Deutsche Identität kann nicht nur auf Schuld aufbauen. Und wir müssen früh lernen, einander zuzuhören. Dass wir andere Meinungen respektieren müssen, darf nicht nur eine Weisheit aus einer Sonntags-oder Shabbatpredigt sein. Es muss im Alltag gelebt werden. Wir müssen uns auch mit anderen Meinungen quälen, ohne freilich die eigenen Werte aufzugeben.

Aber gibt es da nicht auch Grenzen? Würden Sie sich mit einem AfD-Politiker aufs Podium setzen, Herr Rabbiner?
Mit einem Parteifunktionär der AfD wohl nicht, aber mit AfD-Wählern würde ich durchaus diskutieren – schon, um sie zu überzeugen, dass die Demokratie in Deutschland gefährdet ist, wenn die Ultrarechten an die Macht kommen. Selbst bei der AfD gibt es ja ganz unterschiedliche Menschen; manche wählen die Partei vor allem aus Protest. Wenn ich diese Menschen ernst nehme und mit ihnen in der Schule, im Sportverein oder am Arbeitsplatz sachlich Argumente austausche, kann ich ihnen womöglich deutlich machen, welche Folgen eine Protestwahl haben kann. Eine Kultur der fairen Diskussion gehört zu den Grundlagen des Judentums. Damit kann man einiges erreichen.

In den vergangenen Wochen gab es große Kundgebungen gegen Rechtsextremismus. Wie beurteilen Sie diese?
Diese Demonstrationen sind Balsam für die Seele! Wenn Tausende auf dem Opernplatz Flagge zeigen, ist das für mich, als wäre Deutschland wach geworden. Als hätten sich die Demokratinnen und Demokraten die Straße zurückgeholt. Eine Sauerstoffkur für das ganze Land. Als junger Mann habe ich in Israel lange gehadert, ob ich nach Deutschland gehen soll. Wenn ich jetzt die Demos erlebe, schlägt mein Herz für Deutschland, ähnlich wie 1989 bei den Leipziger Montagsdemonstrationen.

Zur Person: Gábor Lengyel wurde 1941 in Ungarn geboren. Er überlebte das Getto von Budapest, seine Mutter wurde im Holocaust ermordet. Nach dem Tod seines Vaters floh er im Jahr des Ungarn-Aufstands 1956 mit nur 15 Jahren allein aus dem Land. In Israel wurde er Feinmechaniker und diente als Soldat. Im Jahr 1965 kam er zum Studium nach Braunschweig. Später arbeitete er als Manager, unter anderem bei IBM. Mit Anfang 60 ließ er sich zum Rabbiner ausbilden. Der mehrfache Großvater, der auch die Kinder einer geflüchteten syrischen Familie intensiv betreut, ist als Seniorrabiner in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover und der Reformgemeinde in Hamburg aktiv.

Interview: Simon Benne
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6. März 2024

 

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