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Militärrabbiner in der Bundeswehr

Drei Mitglieder der ARK sind als Militärrabbiner in der Bundeswehr tätig: Nils Ederberg (NE), Konstantin Pal (KP) und Alexander Nachama (AN). Mit ihnen sprach Esther Hirsch.

Was ist das Tätigkeitsfeld eines Militärrabbiners?

NE: Der Dienst in der Bundeswehr besteht aus zwei Säulen: der Betreuung der SoldatInnen und des Lebenskunde Unterrichts. Beides ist für alle SoldatInnen, gleich welcher Religion oder Weltanschauung. Im Gegensatz zu „zivilen“ Rabbinern betreue ich keine Gemeinde, ich arbeite hier in der Hamburger Führungsakademie. Das ist eine höhere  Bildungseinrichtung der Bundeswehr. Zu meinem Alltag gehören auch Vorträge und Veranstaltungen. Die rabbinische Arbeit innerhalb der Bundeswehr ist für viele Institutionen interessant. Insgesamt führe ich viele Gespräche: offizielle, im Unterricht, Reden, und vor allem Kontakte auf dem Gelände. Präsent sein – zuhören. Ich muss mich einem Gespräch würdig erweisen, sonst kommt keiner.

KP: Der Unterricht für die SoldatInnen ist eine ethisch-moralische Grundbildung und missioniert nicht für die Religion, im Judentum ja ohnehin nicht. Es ist eine Bildung über gesellschaftliche Werte, z.B. wie man mit Minderheiten umgeht. Da komme ich nicht umhin, auch mal die Tora zu zitieren.

AN: Ich selbst bin im Einsatzführungskommando in Schwielowsee beschäftigt. Insgesamt bin ich für Berlin-Brandenburg zuständig. Wir begleiten alle SoldatInnen seelsorgerisch im In- und Ausland. Aber wir unterstützen eben auch jüdische SoldatInnen bei der Religionsausübung. Zudem gibt es jene mit jüdischem Familienbackground, die einen Rabbiner bevorzugen ohne religiösen Bezug zu haben. Es ist doch vorteilhaft, wenn es ein attraktives Umfeld in der Bundeswehr für JüdInnen gibt. Da hilft schon die Möglichkeit, sich an einen Rabbiner wenden zu können. Die Präsenz der Militärrabbiner trägt zum Verständnis dafür bei, dass das Judentum ein Teil Deutschlands ist.
In meinem Büro steht die Tür immer offen. Dadurch gibt es neugierige Blicke, wer ich so bin, aber es kommen auch Menschen mit Gesprächsbedarf. Viele von ihnen gehören keiner Religion an und sie suchen einfach Rat auf persönlicher Ebene. Oder wollen einfach eine andere Perspektive hören.

KP: Für viele ist das etwas ganz neues: ein Rabbiner in der Bundeswehr. Die meisten hatten noch gar keine Erfahrungen mit dem Judentum oder nur sehr eingeschränkt.
Letztes Jahr habe ich eine Chanukkafeier gestaltet, es war gerade in der Führungsakademie eine israelische Gruppe zu Besuch, die waren wirklich sehr überrascht. Aber auch in Leipzig, meinem Hauptsitz, waren unglaublich interessierte nichtjüdische Teilnehmer dabei, für die es einfach mal ein ganz neuer Eindruck jenseits des Adventkranz- Lichterzünden war.

Hat der 7. Oktober die Stimmung bei der Bundeswehr verändert?

NE: Die Situation in der Bundeswehr ist eine ganz besondere. Die SoldatInnen setzten sich beruflich mit staatlichen Krisensituationen auseinander. Daher verstehen sie sehr gut, was ein Konflikt bedeutet. SoldatInnen können das einordnen und vertrauen nicht einzelnen Stimmungsschwankungen.
Hier ist keine Kriegseuphorie, SoldatInnen wissen, was Krieg bedeutet. Und sie wissen auch, was eine schlechte Lösung ist, bei deren Eintritt man eine Region nicht in der Konfliktlage zurücklässt. Sie haben die Gesamtlage im Blick und sehen das Leid und die Strategien auf allen Seiten. Hier gibt es auch ernstgemeinte Hilfsangebote und Verständnis. Ich spüre große Unterstützung, mehr als je zuvor.  

KP: Der 7.10. ist auch an nicht-jüdischen Menschen nicht einfach vorbei gegangen. Es kommen viele Fragen, viele sind mit der Einschätzung der Lage überfordert. Auch danach, wie es mir persönlich in der aktuellen Situation geht. Die Bundeswehr ist ein Partner an der Seite Israels, das merkt man schon.

AN: Auch hier die Stimmung verändert. Allgemein kann ich feststellen, dass die jüdische Gemeinschaft eine große Solidarität erfährt. Viele kennen Israel aus dem Urlaub und schätzen die israelischen Sicherheitskräfte.

Wann können wir mit einer Militärrabbinerin rechnen?

AN: Drei von fünf Stellen für liberale Rabbiner sind inzwischen besetzt, tatsächlich ist noch keine Frau dabei. Ich würde es begrüßen, wenn es bald auch eine Militärrabbinerin geben würde. Militärpfarrerinnen gibt es auf jeden Fall schon.

NE: Alle wünschen sie Militärrabbinerinnen. Aber es ist das Berufsprofil, das ohnehin schon für viele Anwärter nicht in Frage kommt, unabhängig vom Geschlecht. Er oder sie sollte schon  etwas Lebenserfahrung mitbringen. Und überlegen, ob man sich das im Familienleben leisten kann. Unter Umständen Monate weg zu sein und die Woche zu pendeln, das kommt nicht für jeden in Frage. Es gibt auch noch insgesamt weniger Frauen im rabbinischen Amt. Aber es ist jederzeit möglich, der Job hängt nicht vom Geschlecht ab. Ich habe es mir auch gut überlegt. Aber die Herausforderung bei der inhaltlichen Arbeit überwiegt bei mir das Pendeln.

Was hat euch für diese Tätigkeit inspiriert?

KP: Ich habe 2004 im Studium ein Praktikum in der Militärseelsorge gemacht. Das hat mir einen Weg eröffnet, der mich schon immer interessiert hat, aber in Deutschland vorher noch nicht möglich war.
Die Arbeit hier dient nicht allein der jüdischen Welt, es ist primär Teil einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Das begrüße ich, aber man muss damit zurechtkommen. Dafür ist es auch ein sehr großer Outreach: es dient der  jüdischen Gemeinschaft, hat eine politische Komponente und es strahlt auch in die gesamte Bevölkerung hinein.

AN: Die Armee ist für mich ein selbstverständliches Umfeld. In meiner Kindheit hat mein Vater mich häufig in die American Military Chapel mitgenommen: Synagoge und Kirche für die amerikanischen Armeeangehörigen unter einem Dach. Dort gab es auch einen Militärrabbiner, Lou Fisher. Dann kam 2019 der Staatsvertrag, der die Grundlage für das Militärrabbinat schuf. Es sind andere Erfahrungen als eine feste Gemeinde und doch eine Arbeit, die in die Laufbahn eines Rabbiners passt.

Quelle: ARK Mitteilungsblatt zu Chanukka 5784/2023

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