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Die zweite Chanukka-Geschichte

von Rabbinerin Esther Jonas-Märtin

Traditionell feiern wir an Chanukka den siegreichen Makkabäer-Aufstand und die Wiedereinweihung des Tempels. Zu Chanukka gehört jedoch auch der Sieg über den assyrischen General Holofernes dank Judiths mutiger Tat. Die Megillat Judith ähnelt der Megillat Esther, sie spannt den Bogen von Chanukka zu Purim.

Holofernes, ein assyrischer General, zieht aus um Judea zu erobern, wird aber von den Menschen in Bethulia (möglicherweise Jerusalem) gestoppt. Er belagert die Stadt. Ausgehungert und fast verdurstet, entscheiden die Ältesten, sich zu ergeben. An diesem Punkt betritt Judith die Bühne. Sie beschimpft die Ältesten für ihren Mangel an Glauben und entwirft ihren eigenen Plan. Mit einer Magd, Essen und den richtigen Worten dringt sie zu Holofernes vor, kann ihn überzeugen, dass sie desertiert ist und sogar, dass sie ihm mit ihrem Gebet den Sieg bringen kann. Drei Tage lang verlässt sie das Lager, um zu beten und kehrt am Morgen zurück- damit gewöhnt sie die Wächter an ihr Kommen und Gehen. Überwältigt von dem Plan, Judith zu verführen, entlässt Holofernes seine Dienerschaft und betrinkt sich so sehr, dass er besinnungslos wird. Judith nimmt sein Schwert und enthauptet ihn. Sie und ihre Magd verlassen das Zelt und das Lager, diesmal mit dem Kopf Holofernes‘ im Sack. Als der Enthauptete entdeckt wird, flieht die assyrische Armee überstürzt.

Für die Juden bedeutet das die Rettung vor den Feinden, ähnlich wie wir es aus der Megillat Esther kennen. So ist es ist kein Zufall, dass Chanukka und Purim einander oftmals gegenübergestellt sind. Während Purim die physische Rettung in den Mittelpunkt stellt, dreht es bei Chanukka um das spirituelle Überleben.

Die Megillat Judith hat viele Ähnlichkeiten zur Megillat Esther, der Heldin des Purim Festes: eine Frau in der Hauptrolle, Kenntnis der richtigen Worte, einen auszuführenden Plan, eine tiefe Religiosität, die sich in Fasten und Gebet zeigt, die Schönheit und sogar der Eunuch. Die Parallelität von Chanukka und Purim wird noch durch weitere Details ergänzt: Ähnlich wie Esther, so ist Judiths Handeln nicht nur auf ihren Mut begrenzt. Es ist auch ihre Frömmigkeit, ihre tiefe Religiosität und ihr Vertrauen in den Bund Gottes mit seinem Volk. Sie fastet, trägt Sackleinen und sie betet vor dem Zelt des Holofernes. Sie beklagt das Schicksal gerade der Frauen in Zeiten des Krieges (Judith 9:4) und betet zum Gott aller Geschöpfe, aller Schöpfung, einer Gottheit, die weiß was geschieht und vor allem um die Konsequenzen jedes Handelns weiß. Selbst Witwe ersucht sie darum, dass ihr die Fähigkeit gegeben wird, das zu tun, was zu tun ist (Judith 9:16). Schließlich vollbringt sie mit ihren eigenen Händen das „Wunder“, das die Freiheit für ihr Volk bringt.

Wunder gibt es auch in der heutigen Welt, aber: der Talmud sagt ausdrücklich, dass wir uns nicht von Wundern abhängig machen dürfen. Wir müssen PartnerInnen Gottes sein, damit Wunder geschehen können. Gerade in diesen Wochen fragen wir Gott nach der Stärke, die es braucht, das, was eigentlich unmöglich erscheint, geschehen zu lassen.

Wir alle können HeldInnen sein, die in der Partnerschaft mit Gott wunderbares ermöglichen. Wir alle können ein Licht in der Welt sein.

Chanukka sameach!

Quelle: ARK Mitteilungsblatt, Chanukka 5784/2023

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