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Krieg und Mizwa

Zur talmudischen Auseinandersetzung mit Kriegen

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Es mag erstaunen, dass die Tora und der Talmud Auseinandersetzungen mit der Realität des Krieges führten und eine rabbinische Kriegsethik präsentieren. Bekannt sind die Verse im 5. Buch Mose, Kap. 20, wonach es Gründe gibt, bei denen Männer nicht in den Krieg ziehen müssen – wenn sie gerade geheiratet, gerade ihr Haus gebaut oder gerade ihre wirtschaftliche Existenz gegründet haben. Oder wenn sie einfach nur Angst haben. Aber – so die Mischna: „Wann gilt dies nur? Bei einem erlaubten Krieg (milchemet reschut). Aber bei einem gebotenen Krieg (milchemet mizwa) zieht ein jeder aus, sogar der Bräutigam aus seinem Zimmer und die Braut aus ihrem Brautgemach.“ (M Sota 8:7, S. 1)

Milchemet reschut ist hier mit „erlaubter Krieg“ übersetzt. „Erlaubt“ vom großen Sanhedrin, dem obersten Gericht von 71 Mitgliedern. Die Mischna betont: „Man darf zu einem erlaubten Krieg (milchemet reschut) nur nach Entscheidung des Gerichts von einundsiebzig ausziehen.“ (M Sanhedrin 1:5) Um welche Art von Krieg es hierbei geht, wird in der rabbinischen Diskussion erklärt. Es seien die Eroberungskriege, die über das eigentliche Land Israel hinausgehen, darunter einige Feldzüge von König David.

Dem gegenüber erscheint milchemet mizwa, der „gebotene Krieg“ eine klare Sache. Hier geht es um den „Verteidigungskrieg“, wenn das Land Israel von außen angegriffen wird. Hier ist es eine Mizwa, ein Gebot für alle, selbst für den Bräutigam und die Braut, das Land zu verteidigen. Es ist klar, dass sich Israel gerade in einem milchemet mizwa befindet – und sich die Bevölkerung genauso verhält. Ungeachtet aller politischen und gesellschaftlichen Zerwürfnisse sind die Männer und Frauen aufgestanden, um das Land zu verteidigen. Und nicht nur sie. Auch der Großteil der Juden in der Diaspora. Alle unterstützen den Krieg gegen Hamas als einen Verteidigungskrieg Israels. Alle sehen das als ihre Mizwa an.

Doch ist die Unterscheidung für die talmudischen Rabbinen nicht ganz so klar, wie es zunächst erscheint. R. Jehuda fügt in der Gemara eine dritte Kategorie hinzu, den milchemet chowa – hier übersetzt als „geschuldeter Krieg“. „Es sagte R. Jehuda: Wann gilt dies nur? Bei einem gebotenen Krieg (milchemet mizwa). Aber bei einem geschuldeten (milchemet chowa), zieht ein jeder aus. Sogar der Bräutigam aus seinem Zimmer und die Braut aus ihrem Brautgmach“. (M Sota 8:7 V. 2)
Was bringt der neue Begriff? „R. Jochanan sagte: Die nach den Rabbanan erlaubten entsprechen den nach R. Jehuda gebotenen und die nach den Rabbanan gebotenen entsprechen den nach R. Jehuda geschuldeten.“ (Bab. Talmud, Sota 44b) Geht es also nur um Wortklauberei? R. Jehudas rabbinischer Kollege Raba versucht zu präzisieren, indem er zwei zusätzliche Vorstellungen einführt: die Eroberung des Landes Israel als „geschuldeter Krieg“ sowie den „Präventivkrieg“. „Raba sagte: Die Eroberungskriege Jehoschuas sind nach aller Ansicht geschuldete, die Erweiterungskriege des Davidischen Hauses sind nach aller Ansicht erlaubte, sie streiten nur über die Kriege gegen die Nichtjuden, damit sie sie nicht überfallen; einer nennt sie gebotene und einer nennt sie erlaubte.“ (Bab. Talmud, Sota 44b)

Die talmudische Diskussion über milchemet mizwa und milchemet chowa endet an dieser Stelle und ist offen für weitere Interpretation. Gerade in diesen Tagen muss ich oft daran denken, was mit milchemet chowa, dem „geschuldeten Krieg“ in unserer Zeit gemeint sein könnte. Maimonides führte zur „Halacha für Könige und ihre Kriege“ (Kap. 5) auf, dass Juden drei Aufgaben obliegen: einen König einzusetzen, Amalek zu bekämpfen und den Tempel wieder zu errichten. Aus einer liberal-jüdischen Sicht lässt sich das verstehen als: eine weltliche Regierung einzusetzen – das Böse zu bekämpfen – die jüdische Religion in institutionalisierter Form zu gewährleisten. Die drei Aufgaben lassen sich aber auch auf einer Meta-Ebene lesen, als religiös-politische Werte.
„Schuld“ oder „geschuldet“ – kann etwas sehr Positives sein. Man „schuldet“ sich gegenseitig Respekt und Dankbarkeit, man „schuldet“ der Gesellschaft Mitverantwortung, usw. Das hebräische Adjektiv chiuwi bedeutet bezeichnenderweise „positiv“. In dieser Hinsicht lässt sich der milchemet chowa, der „geschuldete Krieg“ deuten. Es geht um Krieg, aber nicht nur um das Land selbst, sondern um eine positive Meta-Ebene. Es geht nicht allein um konkrete Kriegshandlungen, sondern um die Wehrhaftigkeit an sich, die Bereitschaft sich einzusetzen und damit eine Mizwa zu erfüllen. Die positive Schuld hier ist, die Zeichen rechtzeitig zu erkennen, aktiv zu werden, damit es möglicherweise nicht zum echten Krieg kommt.  Interessanterweise taucht in der rabbinischen Auseinandersetzung auch die Vorstellung vom „Präventivkrieg“ auf. Die negative Schuld hingegen wäre, die Bedrohung zu leugnen oder schönzureden, mit Ja-aber-Äußerungen eine Scheinobjektivität zu behaupten, um dahinter die eigene ethische Schwäche zu verstecken.



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