hauptmotiv

BERESCHIT

Nahrung, Schönheit, Weisheit

Auslegung von Rabbiner Lengyel

„Als nun die Frau sah, dass der Baum gut sei zur Speise, eine Lust für die Augen und angenehm zum Betrachten, da nahm sie von seiner Frucht und aß, gab auch ihrem Manne davon und er aß.“

Jahr für Jahr lesen wir diese biblische Geschichte über die Erschaffung der Welt, über die Beziehung zwischen dem ersten Mann und der ersten Frau, namens Adam und Eva. Wir lesen ferner über deren Vertreibung aus dem Paradies, aus dem Gan Ha’Eden.

Viele unserer allgemeinen Vermutungen und Bilder über die erste Frau Eva sind negativ, geprägt von den männlich interpretierten Deutungen der Bibel. War Eva eine Frau, die Adam in die Falle gelockt hat, um vom verbotenen Apfel zu essen?

Meistens wird Eva als eine Verführerin beschrieben. Diese bösen Bilder von Eva haben den Weg für die westlichen Religionen  geebnet, um Frauen zu verunglimpfen. Nicht nur die Christen, auch die Juden  haben dazu beigetragen, dass Eva und damit die Frauen religiös verachtet wurden. Die drei Mizwot, die drei Gebote für die Frauen im Judentum sind; Mikweh, das rituelle Bad, Challah, das Schabbat-Brot und Schabbat, d.h. das Anzünden der Schabbat-Kerzen zum Eingang des Schabbat. Wir lernten, dass diese drei Gebote wegen der Bestrafung von Eva gekommen sind.

Reform-Rabbinerinnen haben im 20. Jahrhundert damit begonnen, die Texte in den Fünf Büchern Moses neu zu interpretieren.  Wurde Eva tatsächlich aus Adams Rippen erschaffen? Aus den Versen 20 bis 24 im zweiten Kapitel im Ersten Buch Moses lernen wir, dass Adam keinen Partner hatte. So hat Gott Adam in einen Schlaf versetzt, und während dessen entfernte Gott ihm eine Rippe, auf Hebräisch Zelah, um Eva zu formen. Aber im Kapitel 1, Vers 27 lesen wir, dass Gott Adam als Ebenbild Gottes erschaffen hat, männlich und weiblich gleichzeitig! Kommentatoren hatten mit diesem Vers ein großes Problem: Waren der Mann und die Frau gleichzeitig erschaffen worden oder war Eva erst nach Adam erschaffen worden, wie es im Kapitel 2 steht?
Einige Rabbiner im Talmud erklärten, dass Eva nicht aus Adams Rippen erschaffen worden ist, sondern Adam sei bisexuell gewesen, d.h. nicht eindeutig männlich oder weiblich. Während des Schlafs wurden zuerst der Mann und darauf die Frau erschaffen.

Die zweite Information, die eine weitere Diskussion erfordert, ist das Essen der verbotenen Frucht. Im allgemein erzählt man, insbesondere im Kapitel 3 des Ersten Buches, dass Eva von der Schlange verführt worden ist. Doch die Verführung der Schlange beinhaltet auch die Untergrabung von Gottes Warnung: das Essen der Frucht wird zum Tode führen. Eva zieht für sich selbst sehr überraschende Schlüsse. Die Frucht, die sie sieht, ist gute Nahrung; sie ist essbar und kann den Hunger stillen. Sie erfreut ihre visuellen Empfindungen und befriedigt ihr Bedürfnis nach schönen Dingen. Eva kommt zu dem Schluss, dass sie durch diese Frucht weise werden und ihre intellektuellen Fähigkeiten vergrößern kann. Eva greift nach der Frucht. Es ist keine impulsive Tat. Voller Neugierde greift Eva nach den Geschenken des Lebens: Nahrung, Schönheit und Weisheit.

Nach dieser Interpretation ist Eva keine Verführerin. Heute könnte man sagen, dadurch dass sich Eva so verhalten hat, ist die Geschichte der Menschheit anders verlaufen. Wären Adam und Eva im Paradies geblieben, hätten wir in der Welt über Geburt, Leben und Tod nichts erfahren. Adam und Eva haben das Paradies verlassen. Harte Arbeit und viel Leid sind gekommen. Interessanterweise heißt  Evas Name auf Hebräisch Chava, das Wort stammt vom hebräischen Namen Chaim, d.h. das Leben.
Könnte nicht eine große Herausforderung für uns alle sein, unsere bekannten Bilder aus der Schöpfungsgeschichte neu zu begreifen und zu interpretieren?

Shabbat Shalom! 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 21.10.2011.


24.10.2014 Artikelarchiv >>
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