hauptmotiv

JOM KIPPUR

Toralesungen - liberale und orthodoxe Sichtweisen

Auslegung von Rabbiner Rothschild

 Es ist kein normaler Schabbat, der heute Abend für uns beginnt; Entsprechend ist auch der Name ein anderer: 'Schabbat Schabbaton', eine Art 'Schabbat hoch zwei oder drei.'  Es ist 'Jom ha-Kippurim' - der Große Versöhnungstag, ein Tag der Reue, ein Tag des Fastens, des Gebets und mehr. Es ist nur ein Zufall, dass Jom Kippur in diesem Jahr auch auf einen Freitagabend und einen Samstag fällt, aber es bedeutet, dass dieser 'Hohe Feiertag' gegenüber dem „normalen Schabbat“ Priorität genießt. Darüber hinaus bedeutet es, dass wir nicht aus dem normalen Wochenzyklus lesen, sondern aus besonderen Texten die etwas mit diesen Tag zu tun haben.
In orthodoxen Synagogen liest man morgens aus Levitikus 16 und Numeri 29, nachmittags aus Levitikus 18. In liberalen Synagogen stattdessen morgens aus Deuteronomium 29 und 30, sowie Levitikus 23; nachmittags aus Levitikus 19. Als Haftarah - Prophetenlesung - in allen Synagogen - liest man dazu vormittags Jesaias 57 und 58, nachmittags das ganze Buch Jonah. Weil meine Hörerinnen und Hörer heute in verschiedenen Gemeinden beten werden, muss ich diese Unterschiede zumindest erwähnen.
Gibt es Gründe für die Unterschiede? Ja. In orthodoxen Synagogen liest man vormittags über die Vergangenheit, über das alte Ritual, über Tieropfer und Speiseopfer, darüber wie es einmal war. Der Mensch, der sterbliche, fehlerhafte Mensch, stand hier unten auf der Erde und wünschte, seine Gefühle, seine Reue, Gott 'irgendwo dort oben' zur Kenntnis zu bringen. Die Priester hatten viel zu tun, und der Hohe Priester, als Vertreter des ganzen Volkes, trug besondere Verantwortung. Die Torahtexte sprechen vom Stiftszelt in der Wüste, der Mischnah (im Traktat Joma) vom Tempel in Jerusalem. Das Prinzip war das gleiche - nur noch größer, noch aufwändiger. Aharon und seine Söhne sollten die Sühneopfer bringen, schlachten, und verbrennen, damit der Rauch nach oben ging - weil Rauch nicht von der Schwerkraft beeinflusst wird. Dazu sollte ein Sündenbock gewählt werden, sollte in die Wüste geschickt werden, sämtliche Sünden des Volkes tragend, sollte dort sterben, damit die Sünden 'janz weit weg' bleiben, nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu spüren sind. Eine sehr konkrete Art von Therapie. Und nachmittags, wenn alle müde und hungrig sind, wird über allerlei mögliche sexuelle Verbote geredet - vielleicht als Hilfe, um an all das zu erinnern, was man noch zu büssen hat?

In liberalen Synagogen lesen wir stattdessen auch Torahtexte über Gegenwart und Zukunft. Deuteronomium 29 spricht von unseren Pflichten, wenn wir gemeinsam vor Gott stehen. Alle Juden, Männer, Frauen und Kinder zugleich, die Häupter, die Wächter und die Arbeiter, sogar die Fremden unter uns - damit wir an den Bund zwischen Gott und unseren Vorvätern denken und unsere eigene Verantwortung. Wir stehen vor Segen und Fluch - wir haben eine Wahl, es steht uns frei, selbst zu entscheiden. Levitikus 23 erzählt dann doch vom Opferdienst, aber wir lernen daraus, dass man vor Gott nicht mit leeren Händen stehen sollte. Ein Opfer wird jedem von uns  abverlangt -  heutzutage nicht in Form eines Tieres, sondern als Zeit, Mut, Engagement, Reue, Solidaritäüt und mehr. Und Levitikus 19 spricht uns zu, über unsere moralischen Pflichten gegenüber unseren Nachbarn, unseren Mitmenschen - auch den Armen, den Landlosen, den Witwen, den Blinden und Tauben; es spricht von Nächstenliebe als ein Thema mit dem wir uns an diesen Tag beschäftigen müssen. Weil – so sagen die Rabbiner – an Jom Kippur  sühnen wir zwar für Sünden Gott gegenüber, aber für die Sünde gegenüber Menschen müssen wir andere Methoden finden, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Also, nicht nur Was wir lesen sondern Warum wir lesen, sind wichtige Fragen für uns an den kommenden Tagen. Und ich wünsche allen - nachdem alles vorbei ist, nachdem der Schofar geblasen wurde und die Türen des Aron HaKodesch geschlossen sind - ein 'Chatimah Towa'. Ihr sollt alle für ein Gutes Jahr geprüft, entschieden und am Ende besiegelt werden.

Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 17.9.2010.


20.09.2013 Artikelarchiv >>
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