hauptmotiv

PINCHAS

Wenn das Eifern für Gott angebracht ist

Auslegung von Rabbiner Simon

Der Wochenabschnitt dieser Woche beginnt folgendermaßen: Der Ewige redete mit Mosche und sprach: „Pinchas, Sohn Elasars, des Sohnes des Priesters Aharon, hat durch seinen Eifer für mich meinen Zorn von den Kindern Israels abgewendet und ist die Ursache, dass ich die Kinder Israels in meinem Eifer nicht aufgerieben habe. Darum vermelde ihm: „Ich gebe ihm hiermit meinen Bund des Friedens!“
Bei der Lektüre des dieswöchigen Abschnitts musste ich unweigerlich an die Beschneidung meines Sohnes vor nunmehr sieben Wochen denken. Denn der Text, mit dem der Abschnitt beginnt, wird nach aschkenasischem Ritus, d.h. nach dem Brauch der Juden aus Mittel- und Osteuropa, zu Beginn jeder Beschneidungsfeier gesagt, nachdem der acht Tage alte Junge in den Raum gebracht wurde, in dem die Beschneidung stattfindet.
Ich gebe ihm hiermit meinen Bund des Friedens, auf Hebräisch Brit Schalom. Dieses Wort erinnert an die Bezeichnung eines anderen Bundes, des Brit Mila, des Bundes der Beschneidung.
Im Vorfeld der Beschneidung unseres Sohnes bin ich oft gefragt worden, warum wir die Beschneidung so früh machen, und warum wir die Beschneidung überhaupt noch machen, wir seien doch schließlich liberal und aufgeklärt. Ich habe diese Fragen in der Rede aufgegriffen, die ich bei der sogenannten Se’udat Mizwa, dem an die Beschneidung anschließenden Festessen gehalten habe, und hätte es mir nicht träumen lassen, dass ich darüber sobald wieder werde sprechen müssen. Und müssen ist das richtige Wort, denn angesichts dessen, was gerade in Deutschland passiert, kann und werde ich nicht schweigen.
Warum wir so früh beschneiden? Weil Avraham Avinu, unserem Stammvater Avraham, von Gott gesagt wurde, dass Er, der Ewige, ihn zu einem großen Volk machen wird und Er, der Ewige, der Gott dieses Volkes sein wird. Dies soll nun ein ewiger Bund sein zwischen Gott und Avrahams Nachkommen. Unser Zeichen dieses Bundes, den Er mit uns geschlossen hat, soll sein, dass unsere männlichen Nachkommen am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden. Es handelt sich also um einen zentralen Bestandteil dieses Bundes, sogar um den zentralen Bestandteil, ohne den dieser Bund quasi als von unserer Seite aufgelöst betrachtet werden kann.
Auf die Frage Warum beschneiden wir überhaupt, obwohl wir liberal sind?, kann ich nur antworten:
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es stimmt, dass das Reformjudentum die Meinung vertrat, dass die rituellen Mizwot, die physisch motivierten und sichtbaren Gesetze, eher nebensächlich, wenn nicht sogar überflüssig und nicht mehr zeitgemäß seien, und nur noch die ethisch-moralischen Gebote befolgt werden müssten. Das Gebot der Beschneidung, der Brit Mila, jedoch, ist niemals in Frage gestellt worden. Zu sehr ist dieses Gebot mit der jüdischen Identität verbunden. Wenn ein Herrscher antijüdische Gesetze erließ, war das Verbot der Beschneidung jedesmal eines der ersten. Im Jahr 165 v.d.Z. erließ Antiochus Epiphanes das erste uns bekannte Verbot zur Beschneidung von jüdischen Jungen. Es war nicht das letzte. Im vieldiskutierten Urteil des Landgerichts Köln vom 7. Mai 2012 (einer Woche vor der Beschneidung unseres Sohnes) heißt es bezüglich der rituellen Beschneidung von Jungen, (ich zitiere) „dass der äußere Tatbestand der einfachen Körper-verletzung zwar erfüllt sei.  Dieser Eingriff sei insbesondere  nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, weil sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Denn im Rahmen  einer vorzunehmenden Abwägung überwiege das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit vorliegend die Grundrechte der Eltern“ . Als Rabbiner und als jüdischer Vater muss ich leider sagen, ich nehme eine Rechtsverletzung in diesem Fall in Kauf. Ich verstehe diese Mizwa, dieses Gebot, nicht nur als Gebot unter anderen, als eines von vielen, sondern als so identitätsstiftendes Merkmal, dass ich bereitwillig eine Strafe dafür in Kauf nehme, wenn es denn sein muss, und der Deutsche Staat nun meint, so müsse das jetzt sein. Ich begehe keinen Mord aus niederen Beweggründen und ich bleibe, sogar mitten in der Nacht, an einer roten Fußgängerampel stehen (wofür ich oft von nichtjüdischen Freunden belächelt wurde). Denn es gibt das rabbinische Prinzip „Dina deMalchuta Dina“, das Gesetz des Landes in dem ich lebe, ist Gesetz. In seltenen Fällen ist es wohl doch angebracht, für Gott und den Fortbestand der Identität des jüdischen Volkes zu eifern. Im Sinne des Friedensbundes unserer Parascha wünsche ich ihnen
Schabat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 13.07.2012.


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