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NASSO

Arme schwitzende Leviten

Auslegung von Rabbiner Rothschild

Ich habe zuhause einen Teppich, der eigentlich gereinigt werden muss. Nicht weit von uns gibt es einen Reinigungsdienst. Im Fenster hängt ein großes Plakat – ‚Teppichreinigung‘. Aha! Vor einem Jahr habe ich die Möbel zur Seite geschoben und das Dinge zusammengerollt… Aber es stellte sich dann heraus, dass der Reinigungsdienst mir zwar eine Maschine zur Reinigung vermieten könnte, oder ich könnte den Teppich zu ihnen bringen, aber einen Abholdienst für Teppiche hatten sie nicht… Und nach ein paar halbherzigen Versuchen habe ich damals entschieden „Ach, lass das Ding dort bleiben…“ Es liegt noch immer dort.
Haben Sie je versucht einen Teppich, auch einen kleinen, zu tragen? Haben Sie erlebt, wie schwer es ist, wie er in der Mitte nach unten durchhängt? Nirgendwo gibt es einen Haken, an dem man ihn fest halten kann! Wie viele Leuten braucht man für einen Teppich, der, naja, 5 mal 6 Meter misst? Ich habe Experten gesehen, von Umzugsfirmen, und natürlich, die Teppiche müssen steif wie Kanonenrühren eingerollt und festgebunden werden.
Diese Gedanken werden in mir wach, wenn ich den heutigen Abschnitt lese, im 4. Buch Mose Kapitel 4, Vers 24-28: „Dies sei der Dienst der Söhne Gerschons, zu dienen und zu tragen. Sie tragen die Teppiche der Wohnung und das Stiftzelt, seine Decke von Tachaschfell, die oben darüber ist, und den Vorhang vor der Türe des Stiftzeltes; und die Umhänge des Hofes, und den Vorhang zum Eingang des Tores am Hofe, der um die Wohnung und um den Altar ringsum, und die Stricke dazu…“ und so weiter.
Die Leviten wurden in drei Familien geteilt – einer, Gerschon, trug alle Textilien; einer, Merari, (Versen 29-33) alles aus Holz –„die Bretter der Wohnung, und ihre Riegel und ihre Säulen und ihre Füße; und die Säulen des Hofes ringsum…“ Die Familie Kehath trug dann (das ist eigentlich früher, in den Versen 15-20) die heilige Lampen und Schlüssel und die goldenen und silbernen Geräte – die waren so heilig, dass die Priester sie selbst einpacken musste, jedes Mal wenn die Israeliten weiter reisen wollten. Alle. Zwischen 30 und 50 Jahre alt. Also, nicht mehr ganz so jung und stark aber dafür mit mehr Erfahrung und Vorsicht.
Als ich jung war, haben wir als Familie mehrmals ‚Camping’Ferien gehabt, und ich weiß aus bitterer Erfahrung, wie einfach es ist, etwas zu vergessen oder zu zerreißen oder das ganze Zelt falsch herum aufzubauen… Ich gehe davon aus, dass es in der Wüste Sinai nur selten geregnet hat, ein kleiner Trost. Einen nassen Vorhang zu tragen – ich möchte nicht darüber nachdenken.
Ich bin ein Profi, ein Rabbiner, kein Levite. Und ich arbeite oft in kleinen Gemeinden, wo wir manchmal ein ‚Aron haKodesch‘ aufbauen müssen, jedes Mal wieder auf´s Neue. Oder improvisieren, wenn wir aus einem Tuch einem Gebetsschal eine Art Vorhang aufhängen müssen. Ich bin einer, der nur Daumen hat, und zwei linke Hände. Ich habe Probleme genug, einen ‚Bauhaus‘ Duschvorhang aufzuhängen – und jemand muss eine Kiste mit Gebetsbüchern herumtragen – und nachher muss alles wieder abgebaut und eingepackt werden, bis zum nächsten Mal.
Und das gibt einem eine Perspektive. Alle Künstler und Theologen denken an die Priester in ihren schönen Gewändern – an die Männer, die, Gott geweiht, ihren heiligen Dienst im heiligen Stiftzelt oder Tempel taten.
Aber hinter ihnen stand ein Heer von Umzugsmännern, mit ihren Seilen und Kisten und Tüchern – ausgerüstet nur mit den eigenen Muskeln. Tagelang haben sie diese Teppiche und Altäre und Tische und Lampen durch die heiße Wüste getragen.
Die Leviten, die armen, schwitzenden, müden Leviten. Man übersieht sie, und wie wichtig sie waren, wenn man nicht sorgfältig liest – und denkt. Es geht nicht nur um ‚die Leviten lesen‘ – es geht darum, sie zu ehren. Ohne sie und ihre Muskeln hätte es kein Stiftzelt gegeben. Sie mussten nicht nur eine Rolle spielen, sondern eine Rolle auf ihren Schultern tragen. Und auch in unseren Gemeinden braucht man Leute, die bereit sind, sich kräftig zu engagieren. Die die Gemeinde, sozusagen, tragen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 3.6.2011.




24.05.2013 Artikelarchiv >>
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