hauptmotiv

SCHMINI

Geistige Nahrung

Die Speisegesetze dienen nicht dem Körper, sondern der Seele

Von Rabbiner Rothschild

Im 3. Buch Moses 11 lesen wir mehrere Listen, über die Dinge, die wir nicht essen dürfen. Oj! Die Listen sind lang, sogar sehr lang, auch wenn heute nicht mehr alle hebräischen Tiernamen richtig zu verstehen sind. Es bleibt in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, warum Juden dieses essen, aber jenes nicht. (Natürlich gibt es viele Juden, die nur jenes essen, und zwar aus Prinzip, um zu zeigen, wie emanzipiert sie sind! Andere wiederum essen jenes nur insgeheim und geben in der Öffentlicheit vor, streng koscher zu essen.)
Sorgfältig und systematisch werden Säugetiere, Geflügel und Wassertiere aufgelistet. Fische müssen echte Fische sein, nicht Tiere, die zufälligerweise im Wasser leben.
Warum ist es so wichtig, was man isst? Ist man, was man isst? So interpretieren die Rabbiner diese Regeln. Denn, mal ganz ehrlich: Obwohl bestimmte Tiere und Tierarten tabu sind, sagt keiner, dass sie giftig seien oder man sie nicht essen könne. Irgendwo auf unserem Planeten gibt es Menschen, die alles essen werden.
Wenn ich in Schulen gehe, um über das Judentum zu sprechen, taucht häufig die Frage auf, warum „die Juden“ kein Schweinefleisch essen. Ich frage dann zurück, wie viele der anwesenden Schüler wohl bereit wären, Frösche oder Schnecken zu essen. Sie reagieren fast immer mit: „Ih, wie eklig!“ Und dann erzähle ich, dass Deutschland eine Grenze teilt mit einem anscheinend zivilisierten Nachbarland, in dem solche Tiere auf dem Speiseplan stehen. Wir leben auf einem Kontinent, auf dem viele Leute gern Pferd essen oder Schwein, oder sogar Kaninchen – aber sehr wenige genießen freiwillig Mäuse, Schlangen oder Maulwürfe. Außer im Krieg und in Zeiten großer Hungersnot, dann brechen manche diese Tabus. (Oder in blöden Fernsehshows, in denen Menschen unter der Not leiden, berühmt zu sein.)
Die Listen mit den tabuisierten Speisen in der Tora sind keine medizinischen Hinweise. Sie haben nicht den Körper im Blick, sondern sie sind Nahrung für die Seele. Man kann behaupten, eine Diät ohne bestimmte Tierarten ist gesünder. Vegetarier werden sagen, eine Diät ganz ohne Tiere ist das Beste. Indem wir als Volk definieren, was wir essen dürfen und was nicht, begrenzen wir auch die Möglichkeiten, wo und mit wem wir essen und welche Einladungen wir wahrnehmen können.
Dass manche Tiere tabu sind, wird noch deutlicher dadurch, dass nicht nur ihr Verzehr, sondern jeglicher Kontakt sogar mit den toten Tieren verboten ist. Alles macht „tameh“, unrein. Wer sie berührt, darf nicht in der Gesellschaft leben, bis die Unreinheit wieder aufgehoben ist. Diese Tiere sind zwar auch ein Teil der Schöpfung Gottes, und es kann sein, dass andere Tiere sie fressen – und sogar manche Menschen sie essen. Wir aber nicht.
Geht es darum, Raubtiere sowie Jagd- und Raubvögel zu vermeiden und nur friedliche Wiederkäuer zu uns zu nehmen? Das kann sein. Aber es wird hier nicht gesagt.
Ich denke, jeder von uns hat eine Lieblingsspeise, und auch Dinge, die er nicht gern isst. Viele Kinder tun sich schwer mit manchem Gemüse ... Einige lieben Fisch, doch der Kopf darf nicht mehr daran sein. Ich persönlich finde zum Beispiel Meeresfrüchte und Hummer überhaupt nicht verführerisch und kann problemlos auf sie verzichten. Doch der Duft aus manch einem Restaurant lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Dann muss ich mich schnell daran erinnern, wieder im 3. Buch Moses, Kapitel 11 zu blättern, um mir ins Gedächtnis zu rufen, warum ich dort nichts bestellen soll ...

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 8.4.2009.

12.04.2013 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Beherzter Macher

Henry G. Brandt wurde am 25. September 90 Jahre alt – eine persönliche Würdigung

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Mitte der 90er-Jahre habe ich Rabbiner Henry Brandt bei einer Tagung des wieder entstehenden liberalen Judentums kennengelernt. Unter der...

Lesen Sie mehr...

Portrait Rabbiner Henry Brandt


Paraschat Haschawua

WAREJA

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Früchte der Selbstlosigkeit

Gastfreundschaft und andere gute Taten werden belohnt – in der Tora gibt es mehrere Beispiele dafür

Dem Patriarchen Awraham kommt im Judentum eine besondere Bedeutung zu. Er gilt als Säule der Welt, weil ihm von Gott das Geheimnis des Lebens offenbart wurde. Es besteht in der Erkenntnis der göttlichen Gnade und Gunst. Awraham liebte diese Eigenschaften des...

03.11.2017   Lesen Sie mehr...