hauptmotiv

KI TISSA

Niemand kennt Gott wirklich

Auslegung von Rabbiner Wolff

Als Moses auf Einladung Gottes auf den Berg Sinai stieg, um sich dort mit Gott zu unterhalten, hatte Gott anfangs eine Mahnung für ihn. Komm ruhig herauf, sagte er ihm, aber du wirst nur meinen Rücken sehen. Denn kein Mensch kann mein Gesicht sehen und noch danach leben. Wir bleiben immer auf einer gewissen Distanz zu Gott. Es ist ja gut, dass wir Juden keinen Teil, keinen Satz und kein Gebot der Torah als wichtiger betrachten als irgend einen anderen - denn alle stammen schließlich von Gott. So sagt uns unsere Überlieferung. So kann ich heute nur sagen, dass diese Worte Gottes, und diese Szene zwischen Moses und Gott, zu den wichtigsten und auch schwierigsten in der ganzen Torah gehören.
Wichtig, denn sie sagen uns ein für alle Mal, dass wir Menschen Gott niemals völlig verstehen können. Denn wäre uns das möglich, dann wären wir selbst wie Götter. Also hat niemand das Recht uns zu sagen, dass Gott uns krank gemacht hat, um uns zu bestrafen. Ganz besonders ist es uns nicht erlaubt zu behaupten, dass die europäische Judenheit die Nazi-Vernichtung im vorigen Jahrhundert erlitten hat, weil sei eine schlimme Strafe verdient hatte.
Solche eine Behauptung wäre eine Verleumdung von Mensch und von Gott. Von Gott, denn woher wissen wir das. Wie kann nur ein Mensch sich erlauben zu behaupten, dass er weiß, warum diese Tragödie uns und unseren Vorfahren geschehen ist. Es sind zu viele unschuldige Kinder ermordet worden, um so etwas zu behaupten. Wir können weder Mensch noch Gott in solcher Weise beschuldigen.
Dann kommt noch dazu, dass wenn wir Gott die ganze Schuld dafür geben, dann sprechen wir die Menschen, welche diese Tag begangen haben, frei von aller Veantwortung. Das ist völlig absurd sowie auch eine Verleumdung Gottes.
Niemand kann mein Gesicht sehen, sagt Gott, und meint damit, dass kein Mensch seine Wege völlig erkennen und verstehen kann. Der Unterschied zwischen Mensch und Gott ist einfach zu groß.
Aber dies kann niemals bedeuten, dass Gott nicht existiert oder dass wir ohne ihn oder ein Verhältnis zu ihm auskommen können. Jemanden nicht zu verstehen, aber doch mit ihr oder ihm auskommen zu müssen, eine Beziehung zu unterhalten, das kennen wir schließlich aus unserem täglichen Leben. Warum geht unser Kind in die Dikso bis drei oder vier Uhr am Sonntag früh, wenn am Montag früh ihr oder ihm eine wichtige Prüfung inder Schule bevorsteht? Warum hat unser Chef jemanden angestellt, von dem jeder andere weiß, dass er nicht fähig ist, diesen Posten kompetent auszuüben? Und warum hat unsere beste Freundin sich noch ein Paar Schuhe gekauft, wenn sie schon 20 Paar in ihrem Schrank stehen hat? Wir verstehen Menschen nicht, und doch haben wir eine enge Beziehung zu ihnen. Mit Gott sollte es nicht anders sein.
Eine Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert erzählt, das in einem Konzentrationslager eine Gruppe von jüdischen Männern sich jeden Nachmittag nach der Arbeit getroffen hat, um doch noch etwas über Judentum zu diskutieren. Eines Tages beschlossen sie, Gott einen Prozess zu machen, weil er sie so schlecht in dem Konzentrationslager behandelte oder erlaubt hat, dass sie dort so schlecht behandelt wurden, obwohl sie sich nichts zu Schulden hatten kommen lassen.
Der Prozess dauerte vier oder fünf Tage. Am Ende sprechen sie dann ihr Urteil aus. Er erklärten Gott für schuldig. Als sie sich dann bewusst davon wurden, was sie soeben getan hatten, sie, die nur Menschen waren, saßen sie in ihrer Baracke und konnten kein Wort mehr äußern. Es wurde dunkel, und immer noch saßen sie da in voller Stille. Bis sich eine Stimme erhob: Rabbotai, meine Herren, sagte sie, es ist an der Zeit für das Abendgebet. Und alle, ohne Ausnahme, standen auf, um zu diesem Gott, den sie soeben für schuldig erklärt hatten, zu beten. Denn er bleibt eben Teil ihres Lebens, so wie er ein Teil unseres Lebens ist, so lange wie der Himmel über der Erde bleibt und der Wind um unsere Nase weht.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 18.2.2011.




08.03.2013 Artikelarchiv >>
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