hauptmotiv

MISCHPATIM

Auge um Auge

Auslegung von Rabbiner Sievers

Mit der der heutigen Parascha ändert sich der Fokus des biblischen Textes. Bisher stand die Geschichte im Mittelpunkt, von nun aber liegt das Augenmerk eher auf den Regeln, nach denen das Volk leben soll. Häufig werden diese Kapitel "Bundesbuch", "Sefer HaBerit" genannt und gliedern sich in vier Teile.

Es gäbe also eine Menge Dinge aus der Vielzahl der Vorschriften, über die man etwas sagen könnte. Ich habe mich aber entschlossen, kurz über eine Wendung zu sprechen, die leider immer noch falsch gebraucht wird und gerne auch für die Grausamkeiten des Tenachs herhalten muss. Auch in Bezug auf den Konflikt im Nahen Osten wird diese Redewendung gern gebraucht.

Ich meine natürlich die Redewendung "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Diesen Worten geht in der Torah eine Diskussion um eine fahrlässige Tötung voraus. Was ist die Regelung, wenn zwei Männer streiten und dabei die Frau zu Tode kommt. In Ex. 21:23-25 heißt es in der Übersetzung von Rabbiner Benno Jakob:

"Wenn aber ein Unfall geschieht, so sollst du geben Lebens-Ersatz für (tachat) Leben. Auges-Ersatz für Auge, Zahnes-Ersatz für Zahn, Hand-Ersatz für Hand, Fußes-Ersatz für Fuß. Brandes-Ersatz für Brand, Bruches-Ersatz für Bruch, Beule-Ersatz für Beule."

Aus der Übersetzung wird schon deutlich, dass es sich nicht um eine Reglung handelt, die verlangen würde ggfs. jemand anderem das Augenlicht zu nehmen.

Aber selbst wenn man die Verse hier und ihre Parallelstellen wörtlich verstehen würde, muss man doch zuerst einmal feststellen, dass hier der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit aufgestellt wird. Dies war in der damaligen Zeit sicherlich ein Rechtsfortschritt.

Darüber hinaus kommt der Talmud im Traktat Bawa Kama 83b f zum Schluss, dass diese Passagen nicht wörtlich genommen werden sollen, sondern, dass es sich hier um Geldersatzleistungen handelt. Wie könnte man diese Regelung in einem Fall anwenden, in dem eine Person, die noch mit beiden Augen sehen kann, einer einäugigen Person das Augenlicht nimmt und diese somit total erblindet?

Benno Jakob unterstreicht diese Deutung in seinem Kommentar zur Stelle, indem er darauf verweist, dass das hebräische Wort Tachat, welches in den meisten Übersetzungen mit "um" übertragen wird, immer die Bedeutung hat, dass etwas gegeben wird, was ein anderer nehmen kann. Da es sich in diesem Fall auch eindeutig um einen Unfall und nicht um Totschlag oder gar Mord handelt, muss Benno Jakob rechtgegeben werden, wenn er auch im erstgenannten Fall "Wenn aber ein Unfall geschieht, so sollst du geben Lebens-Ersatz für (tachat) Leben" eine finanzielle Entschädigung annimmt.

Ein Grund, so Benno Jacob, dass sich die uns allen bekannte Übersetzung "Auge um Auge" gehalten hat, wurzele erstens in dem Gefühl, dass die Tradition als die einfachste und primitivste Art der Gerechtigkeit einleuchte "Aber," so fährt Jacob fort, "die Tora hat das Primitive längst weit hinter sich gelassen."

Auch wenn diese Wendung so tief im Sprachgebrauch verankert ist, dass selbst Personen, die es besser wissen oder besser wissen müssten, die Wendung dem Wortsinn nach gebrauchen, so müssen wir doch immer wieder klarstellen, dass hier nur finanzielle Entschädigung gemeint ist.

Shabbat Shalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 28.1.2011.

17.02.2018 Artikelarchiv >>
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