hauptmotiv

WAJISCHLACH

Selbstprüfung

Auslegung von Rabbiner Sievers

In unserem heutigen Wochenabschnitt "Wajischlach" nähern wir uns nun unaufhaltsam dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Jakob und seinem Zwillingsbruder Esau. Wir erinnern uns, dass das Verhältnis der beiden nie zum Besten stand. Jakob kam durch fragwürdige Handlungen an das Erstgeburtenrecht seines Bruders Esau, um nicht zu sagen: er erschlich es. Um Esaus Rache zu entkommen, floh Jakob nach Charan zu Laban und kehrte nach 20 Jahren, nun verheiratet, mit seiner ganzen Familie nach Hause zurück. Unser Wochenabschnitt beginnt mit Jakobs Vorbereitungen, seinen Bruder zu treffen, und als er hört, dass sein Bruder ihn mit 400 Mann entgegen treten will, bekommt er es mit der Angst zu tun und betet zum Ewigen. Er erinnert den Ewigen an sein Versprechen, ihn wohlbehalten nach Hause zu bringen und seine Zahl zu vergrößern. Um sich zu schützen, teilt Jakob sein Lager in neun Abteilungen auf und schickt jede mit Geschenken versehen zu seinem Bruder. In der Nacht überquert die Familie den Jabbok, nur Jakob blieb zurück und kämpfte mit einem "Ish", mit einem Mann, ein in jeder Hinsicht, sowohl physisch als auch psychisch, prägendes Ereignis.

Wer war dieser Ish? Warum kämpfte er gerade zu diesem Zeitpunkt mit Jakob? Warum fand jetzt die Namensänderung statt? Was hat es mit der Verletzung am Bein auf sich?

Auf alle diese interessanten Fragen gibt uns die Torah, wenn überhaupt, nur unzureichend eine Erklärung.

Die bekannteste Erklärung identifiziert den Ish als den Schutzengel Esaus, er wird auch mit dem Engel Samael verglichen. Es gibt aber auch Interpretationen, die ihn nicht nur als eine böse Person sehen. So finde ich die Erklärung des mittelalterlichen Kommentators Raschbam sehr interessant. Raschbam meint, dass Jakob eigentlich in der Nacht vor seinem Bruder fliehen wollte. So sagte er den einzelnen Abordnungen, die er zu Esau schickte, dass sie diesem ausrichten solle, dass er, Jakob, ihnen nahe folgen würde, was natürlich nicht der Fall war. Die ganze Aktion wurde, so Raschbam, nur zu dem Zweck ausgeführt, um Zeit zu gewinnen, damit Jakob in der Nacht fliehen konnte. Dieses verhinderte der Ish. Jakob hat oft in schwierigen Situationen mit Flucht reagiert, sei es, als er vor seinem Bruder davon lief, sei es, als er bei Nacht und Nebel Laban verließ. Auch diese Situation wäre geeignet gewesen, wegzulaufen, sich der Situation nicht zu stellen. Dies verhindert aber nun der Ewige, in dem er den Ish zu Jakob sendete. Dabei könnte man den Ish, so Rabbiner Benno Jakob, ruhig als Vertreter der Angelegenheit Esaus, ansehen. Auch wenn die Tradition Esau immer als das explizit Böse, als Feind des Jüdischen Volkes gesehen hat, sollte es einen doch nicht blind dafür machen, dass Esau gute Gründe hatte, auf Jakob böse zu sein. So ist der Kampf am Jabbok, so Benno Jakob weiter, ein Kampf mit der eigenen Vergangenheit, und Jakob obsiegt und rechtfertigt so seinen neuen Namen: Israel, der mit dem Ewigen ringt und gerungen hat. So fasst Benno Jakob zusammen:

„Gott antwortet dem Beter in dessen eigener Selbstprüfung, in der er der Widerpart seiner selbst wird und die unerbittlich sein muss, auch wenn sie damit endet, manche Schwungfeder des angeborenen irdischen Wesens zu knicken. Umso freudiger wird die Seele im Lichte eines neuen Lebens atmen. Solch ein Kampf wird in der Nacht der Not und Einsamkeit gekämpft: und Jakob blieb allein.“

Es ist die Größe der Torah, auch unsere größten Helden als das zu zeigen was sie sind: Menschen, die auch Fehler machen und mit Gott ringen. Lassen Sie uns Jakobs Beispiel folgen, dass auch unser Gebet ein solch hohes Maß an Selbstreflexion erreicht.

Schabbat Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 19.11.2010.



07.12.2012 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Zum Geburtstag von Rabbiner Gábor Lengyel

»Jüdischkeit ist sein Lebenskompass«

von Rabbiner Andreas Nachama 

Am 15. Januar wird Rabbiner Gábor Lengyel 80 Jahre jung. Jüdischkeit ist sein Lebenskompass. Die ihn kennen, wissen, dass er ein bescheidener leiser und bedacht auftretender Mann ist....

Lesen Sie mehr...

Ordinationsfeier Abraham Geiger Kolleg - September 2020 (ab 36:17)


Paraschat Haschawua

WA'ERA

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Eine Geschichte, die immer wieder Mut macht

Im heutigen Wochenabschnitt Wa’era nimmt das Drama der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten an Fahrt auf. Was ist bisher geschehen? Der junge Mosche wächst als Adoptivkind am Hof des Pharao auf und muss fliehen, weil er einen ägyptischen Sklaventreiber umgebracht hat. Er findet eine neue Heimat und eine neue Familie im Exil in Midian. Dort erscheint ihm...

15.01.2021   Lesen Sie mehr...