hauptmotiv

WAJEZE

Die Tiefen der Freundschaft

Auslegung von Rabbiner Wolff

Die Torah enthüllt uns diese Woche wie sich eine Freundschaft entwickelt. Die Freundschaft von der im Abschnitt Wajetze die Sprache ist, entwickelt sich zwischen Jakob und Gott – genau so wie sich eine menschliche Freundschaft zwischen Vettern oder Nachbarn entwickeln kann. Da eben Gott ein Partner in dieser Freundschaft war, war diese besondere freundschaftliche Beziehung von Ehrfurcht gekennzeichnet. Aber die Beziehung hatte eben auch die Enge und Wärme, die Bestandteil von jeder Freundschaft sind – eine Wärme und Enge, in denen man regelmäßig mit einander spricht, entweder über das Handy oder wenn man sich trifft - Freundschaft, in der man zusammen Einkaufen geht und zusammen Ausflüge macht, oder in der man seine Kinder gegenseitig betreut. Genau so eng war die Freundschaft, die sich in der Torah zwischen Jakob und Gott entwickelte. Ein Satz aus der Vorlesung besiegelt diese Freundschaft ganz fest. Und ich zitiere ihn: „Von allem, was Du mir gibst, davon werde ich ein Zehntel an Dich, Gott, zurückgeben.“
Darin zeigte sich die Bescheidenheit Jakobs. Ja, er, wie jeder von uns, hat sich sein Einkommen und sein Vermögen durch seine harte Arbeit erworben. Aber er hat auch anerkannt, dass die Kraft und die Fähigkeit ohne welche niemand sich ein Einkommen erwerben kann, die stammten nicht von ihm. Die waren angeboren – oder wie die Torah es nennt, die kamen von Gott.
Darin zeigte sich aber auch das Wesentliche an jeder Freundschaft, ob mit Gott oder mit einer Kollegin oder einem sonstigen Mitarbeiter. Jede Freundschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass man einander seine Zeit schenkt – Zeit um regelmäßig mit einander zu sprechen, Zeit um zu hören, was dem Anderen augenblicklich Sorgen macht, Zeit mit der wir diese besondere Beziehung durch Hilfe und Fürsorge weiter stärken können. Je enger die Freundschaft, je mehr Zeit man einander widmet.
So ist es nicht nur mit Freundschaft. So ist es mit jeder menschichen Beziehung – sei sie zwischen Eltern und Kindern, zwischen Arzt und Patient, zwischen Lehrer und Schüler – die Beziehung verlangt Offenheit, und sie verlangt Vertrauen. So ist es weiterhin mit Mitarbeitern und so ist es mit Geschwistern. Ich habe es meiner Schwestern nie vergessen in den beinahe 50 Jahren, seit sie in einem Autounfall ums Leben kam, und ich werde es nie vergessen bis an mein eigenes Lebensende, dass in den Monaten, wo ich plötzlich alleine zu Hause war – mein Vater war schon lange tot, meine Mutter war bei meinem Bruder in Australien, und meine Schwester lebte 400 Kilometer entfernt, ich werde es nie vergessen, dass sie mich jede Woche angerufen hat, um zu hören, was ich mache und wie es mir geht – in einem Zeitalter, wo Handies noch nicht erfunden waren, und wo man besser situiert sein musste, um sich zuhause eine Telefonanlage zu leisten. Also sie hatte kein Telefon und musste zur Post oder zu Nachbarn, um an ein Telefon zu kommen. Aber sie hat es nie verfehlt, mich anzurufen. Und die Zeit und die Sorge und Fürsorge, die sie mir geschenkt hat, werde ich mitnehmen in die nächste Welt, wo es mir vielleicht vergönnt sein wird, ihr wieder zu begegnen. Wer weiß…
All das verstand unser Urvater Jakob, als er Gott versprach Ihm ein Zehntel von all seinen Verdiensten zu weihen – freiwillig und nicht als Steuern, die er gezwungen wäre zu zahlen.
Denn Jakob war sich völlig bewusst, dass je mehr wir einander schenken, sei es Zeit oder Liebe, sei es Hilfe oder Fürsorge, je stärker ist nicht nur unsere Beziehung und sogar unsere ganze Gesellschaft. Je reicher ist auch unser eigenes Leben.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), dort gesendet am 2.12.2011.


30.11.2018 Artikelarchiv >>
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