hauptmotiv

LECH LECHA

Gibt es eine Garantie?

Auslegung von Rabbiner Alter

„Ich werde Euch das Land Israel geben; es wird Dir und Deinen Kindern gehören, ...“ sagt  G“tt im Toraabschnitt für diese Woche zu Awraham persönlich.

Awraham hatte das also nicht aus alten Texten, aus Legenden oder Überlieferun¬gen. Der EWIGE selbst hatte es ihm gesagt und Awraham hatte es gehört.

Awrahams Antwort: Bameh Eyda? Hmmm, wie kann ich mir sicher sein? Gibt es eine Garantie? Kann ich das schriftlich haben? Stempel, Siegel, Unterschrift?

Awremele, mit wem sprichst du da?

Das ist G“tt! Ist sein Wort alleine nicht genug?

Im Talmud-Traktat Nedarim  32a wird erzählt, allein weil Awraham diese Frage ge¬stellt hatte, wurde er damit gestraft, dass alle seine Nachkommen Sklaven in Ägypten wurden.

Es gibt zwei verschiedene Formen von Beziehungen. Es gibt Geschäftsbeziehun¬gen und es gibt Herzens- und Liebesbeziehungen.

Im Optimalfall basieren beide Formen der Beziehung auf gegenseitigem Ver¬trauen. Aber natürlich sind sie völlig unterschiedlicher Natur. Unter anderem die Voraussetzungen und Bedingungen sind andere.

In Geschäftsbeziehungen suchen wir nach Prognosen, Verträgen, Garantien und Unterschriften. Schließlich will man ja auf der sicheren Seite sein.

In der Liebe suchen wir nach Aufrichtigkeit, Wärme und Empathie.

G“tt sprach zu Awraham als liebender G“tt. Er nahm Awraham bei der Hand und sagte: „Keine Angst, ich pass auf Dich auf, ich werde dir eine Heimat und Nach¬kommen schenken ...“

Awraham aber schien erst mal einen Ehevertrag sehen zu wollen. Wie kann ich mir nur sicher sein ... Er machte aus der Liebesbeziehung eine Geschäftsbezie¬hung.

G“tt machte unser Vorfahren zu Sklaven.
Wenn ihr die geschäftlichen Aspekte unserer Beziehung verstehen wollt, dann versteht erst mal, dass ihr nichts zu melden habt.
Ihr könnt nicht fragen: „Ba meh eyda“.

Ein Sklave bekommt keine Garantien. Er ist völlig der Gnade seines Herren aus¬geliefert. Nicht G“tt, sondern Awraham selbst hat selbst diese Beziehung aus ei¬ner Liebesbeziehung in eine Geschäftsbeziehung verwandelt.

Wir sollten uns überlegen, was wir von G“tt erbitten. Wenn wir geliebt werden, dann haben wir ein ganz anderes Niveau in unserer Beziehung. Wenn wir zu viele Fragen stellen und nach Garantien verlangen, dann verändern wir unsere Bezie¬hung, was wir vielleicht gar nicht wirklich wollen.

Stellen wir uns mal vor, wir wollen uns mit einem Menschen auf eine Geschäfts¬beziehung einlassen, und ohne dass wir danach fragen, holt er plötzlich ein ärzt¬liches Attest heraus. Eine Bescheinigung eines Psychiaters, dass dieser Mensch völlig normal ist.

Vermutlich würden wir uns sofort sagen, wenn der das schon schriftlich braucht, dann wird da schon was im Busch sein. Wir lassen mal lieber die Finger davon.

Awraham hat es schriftlich gebraucht.

Wir sollten aufmerksam und vorsichtig mit unserer Beziehungswelt umgehen.
Ehepartner, Lebenspartner, Kinder, Eltern, Freunde und Gemeinde: Das ist kein Geschäft!

Vielleicht fühlen wir uns auf der „Geschäftsbeziehungsebene“ ruhiger und siche¬rer; glauben alles unter Kontrolle zu haben - aber wenn wir diese Beziehungs¬kreise auf ein Geschäftsniveau bringen, dann zerstören wir die Beziehung.

Unsere Beziehung zu G“tt sollte keine Geschäftsbeziehung sein. Wahrscheinlich sollten wir nicht nach Sicherheiten und Garantien verlangen. Es geht darum, G“tt und der Beziehung zu G“tt zu vertrauen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber bestimmt einen Versuch wert!

In dieser Hoffnung
Schabat Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 15.10.2010



04.11.2012 Artikelarchiv >>
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