hauptmotiv

Sukkot Chol Hamoed

Kurz vor dem Burn-Out

Auslegung von Rabbiner Rothschild

Wir sind nicht in unserer normalen Wochensequenz; wir feiern Schabbat Chol HaMo'ed, den Schabbat, der in die Sukkotwoche fällt, und unsere Lesung stammt aus dem  2. Mose 33:12 und den folgenden Versen.

Es ist eine Krisenzeit. - Nachdem Mose das Volk aus Ägypten und dann in die Wüste geführt hatte, sowie auf dem Berg Sinai die Torah von Gott erhalten hatte, gab es einen furchtbaren Konflikt - das Volk, ungeduldig und verängstigt, hatte von Aaron eine Alternative verlangt, ein Gottesbild, das sie sehen und anfassen könnten - ein Tier aus Gold. Gott ist wütend, Mose ist wütend, es kommt zu einem Bruderkrieg, einem Massaker -  Israelit gegen Israelit - und Mose stellt sein Zelt außerhalb des Lagers auf, um sich vom Volk zu distanzieren. Und nun geht es um Mose selber: Wie geht es weiter, was ist aus seiner Aufgabe, seiner Karriere geworden - nach dieser großen Enttäuschung? Wie kann man wieder gegenseitigen Respekt und Vertrauen aufbauen? Mose steckt in seiner eigenen Krise: Er hat sein Selbstvertrauen verloren, steht kurz vor dem „Burn-Out“.

Wie so viele 'Profis' steht er vor der Frage: Was tun? Ist Gott wirklich sein Vorgesetzter, oder das Volk? Wem soll er zuerst oder hauptsächlich  dienen? Wie kann man zwischen Gott und Gottes Volk unterscheiden? Wie geht man als Rabbiner oder Priester oder Pfarrer oder Imam oder was-auch-immer mit dem Paradox um, dass Gott selber nur wenig und manchmal rätselhaften Rat gibt und unsichtbar bleibt, während das Volk immer Hilfe, Beratung, Trost, sogar einen Schub oder  einen Tritt in den Hintern braucht, damit es vorwärts gehen kann? Ist es das, was man wirklich wollte, als man anfangs diese Aufgabe auf sich genommen hat? Mose selber, das sollten wir nicht vergessen, hatte keine theologische Ausbildung, er hatte kein Seminar besucht, er hat noch nicht einmal eine Bibel zum Studieren! Er wurde eines Tages von einer unsichtbaren Stimme gerufen, sein bisheriges Leben zu verlassen und stattdessen eine Führungsrolle zu übernehmen, ein Sklavenvolk von einer Supermacht zu befreien.....  Ich weiß, jeder Rabbiner braucht auch selbst einen Rabbiner - genau wie jeder Arzt einen anderen Arzt braucht. Und wen hat Mose? Ein junger Assistent, Joschua bin Nun, bleibt bei ihm im Zelt - und wird irgendwann sein Nachfolger werden. Sein Bruder Aaron wird bald zum Priester ernannt werden - ist momentan aber gerade in Ungnade gefallen.

So fragt Mose Gott verbittert, verzweifelt: "Siehe, du sprichst zu mir, "Führe dies Volk. Du hast mir aber nicht kundgetan, wen du mit mir schicken willst!"  Er will - genau wie das Volk, als er sich auf dem Berg  befand - Taten sehen, nicht nur Worte hören: "Du hast doch gesagt, 'Ich habe dich mit Namen auserkoren'... nun denn, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, so tue mir doch Deine Wege kund, auf dass ich Dich erkenne..... und bedenke, dass Dein Volk diese Nation ist!" (Verse 12 und 13).

Es ist eine herbe Kritik an seinem Auftraggeber. "Ich bin nur ein kleiner Mensch, allein" sagt er, " Du erwartest so viel von mir, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich diese Erwartungen erfüllen kann!"

Gott reagiert ganz ruhig, als ob diese Kritik gerechtfertigt sei. "Behaue noch zwei steinerne Tafeln", sagt Gott. "Wir werden von Anfang an darauf alles wiederholen, ich werde dir die Regeln wieder geben. Du willst mich sehen? Das geht nicht - kein Mensch darf mein Gesicht sehen, auch Du nicht – da gibt es keine Ausnahmen - aber du darfst als besonderes Privileg meinen Rücken sehen, und dass muss genug sein."

Und so geschieht es, wie es in Kapitel 34 Vers 5 und folgende in eigenartiger Weise heißt: "Da stieg der Ewige in der Wolke hernieder und stellte sich dort neben ihn hin.... Und der Ewige zog an ihm vorüber..."  Mose erlebt Gott als etwas Reales, ein „Aha!-Erlebnis“, er beugt sich nieder zur Erde, er betet Gott an, und Gott verspricht wieder einen Bund mit dem Volk - solange das Volk treu bleibt.

Und dann geht es weiter mit einer langen Liste von Geboten über Glauben, Ritual, Feiertage und das, was wir als die „Routine“ des religiösen Lebens bezeichnen können. Das Leben geht weiter, die Reise geht fort, und Mose hat seine Rolle als Führer des Volkes wieder.

So dramatisch, so schnell, so einfach und eindeutig kann es nicht immer sein! Aber wenn man nicht glaubt - könnte man überhaupt weiter gehen?

Schalom!

Abdruck mit freundicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 24.9.2010.




28.10.2016 Artikelarchiv >>
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