hauptmotiv

KI TAWO

Das Wunder des neuen Anfangs

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

„Ki Tawo – Wenn Du kommst“. Mit diesen Worten beginnt unser heutiger Abschnitt aus der Tora. Im Verlauf der langen Geschichte, in der aus der Familie Abrahams und Saras das jüdische Volk wurde, das Gott immer wieder aus Not errettete, wurden schon viele allgemeingültige Lebensregeln gelernt. Das bekannteste Beispiel dafür sind die zehn Gebote.

Heute aber geht es um etwas sehr konkretes und einmaliges: Das Wunder eines neuen Anfangs: Die Israeliten werden aufgefordert, die allerersten Früchte, die sie im Lande Israel ernten, Gott zu weihen. Die Worte, die sie dabei sprechen sollen, sind eine kurze Zusammenfassung der Rettung aus Ägypten: Das Volk schrie zu Gott und er hörte auf die Klage, er rettete das Volk und brachte es in das verheißene Land Israel. Daran erinnert man voller Dankbarkeit bei der ersten Ernte im Lande.

Überraschenderweise gehen aber die ersten Worte dieser Ansprache an Gott über den Exodus hinaus, die Rettung aus der Sklaverei in Ägypten: „Arami owed awi - Mein Vater war ein herumirrender Aramäer“. Gerade in diesem besonderen Moment, in dem man die erste Ernte feiert und Gott dankt, erinnert man sich nicht nur daran, daß es nicht selbstverständlich ist, eine Heimat zu haben, sondern auch daran, daß die jüdische Geschichte mit Menschen beginnt, die zu einem anderen Volk gehört haben. Abraham, Sara und ihre ganze Familie waren zu Beginn Aramäer. Ja auch für ihre Kinder und Enkel suchte man noch Jahrzehnte später Partner aus der alten Heimat, so daß hier keine harte und klare Scheidung bestand zwischen der alten und der neuen Zugehörigkeit, wir würden heute sagen, Staatsangehörigkeit.

Gerade dieser Satz wird aber in der jüdischen Überlieferung auf zwei ganz unterschiedliche, einander ausschließende Weisen verstanden. Ibn Esra und Raschbam, zwei wichtige Gelehrte des Mittelalters, verstehen ihn so, wie wir ihn auch übersetzt haben: Mein Vater war ein herumirrender Aramäer. Die gewichtigere Meinung der jüdischen Tradition liest aber mit dem Midrasch Sifre und dem wichtigsten Ausleger überhaupt, mit Raschi: Ein Aramäer verfolgte meinen Vater. Der hebräische Text läßt beide Lesarten zu. Auch die biblische Geschichte gibt uns keine Entscheidungshilfe, denn beides stimmt. Abraham, der Stammvater des jüdischen Volkes war ein wandernder Aramäer. Genauso wurde aber auch ein weiterer Stammvater, Jakob, der Enkel Abrahams, durch seinen Schwiegervater Laban verfolgt, der Aramäer war.

Es ist ein großer Unterschied, woran zu erinnern man sich entscheidet, zumal in einer so weichenstellenden Situation, wie sie die Feier eines neuen Anfangs ist: Betont man das Negative, so nimmt man es mit hinein in die neue Zeit. Betont man das Positive, so gibt es Kraft für neue Aufgaben. Beides ist möglich, beides ist legitim.

Meine Lehrerin und Freundin Alice Shalvi, die in in Essen geboren ist, mit ihrer Familie nach England floh und seit über einem halben Jahrhundert in Israel lebt, entscheidet sich in ihrer Auslegung des Textes gegen den Rückblick auf das Böse und wählt stattdessen das Bild einer neuen Wohnung, die man bezieht. Leere, saubere Zimmer, die darauf warten gefüllt zu werden mit neuem Leben. Gleichzeitig steckt darin natürlich die Gefahr der Verdrängung: Wenn die schwierige Vergangenheit nicht angemessen erinnert wird, wird sie aus dem Unbewußten heraus immer wieder das eigene Verhalten beeinflussen. Beide Arten der Erinnerung haben also ihren Sinn und die Vielstimmigkeit der jüdischen Tradition ermöglichen sie uns.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 27.8.2010.



30.09.2016 Artikelarchiv >>
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