hauptmotiv

KI TEZE

Kindererziehung: Reden statt strafen

Auslegung von Rabbinerin Shillor

In unserem Wochenabschnitt steht geschrieben: „Wenn ein Mann einen aufsässigen und trotzigen Sohn hat, der nicht hört auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter, und sie haben ihn gezüchtigt, und er gehorcht ihnen nicht, so sollen sein Vater und seine Mutter ihn ergreifen und ihn zu den Ältesten seiner Stadt hinausführen, und sollen sprechen zu den Ältesten seiner Stadt: ‚Dieser unser Sohn ist aufsässig und trotzig, er hört nicht auf unsere Stimme, er ist ein Schlemmer und Säufer.’ Dann sollen ihn alle Leute seiner Stadt steinigen, daß er sterbe.“ (5. Buch Moses, 21,18-21). Die Textpassage endet mit einer Art Erklärung dieser drastischen Strafe: Durch die rasche Entfernung des Übels dient das Kind dem Rest der Gemeinde als abschreckendes Beispiel dafür, wohin solches Verhalten führt.
Diese Mizwa ist zutiefst beunruhigend, trotz der Tatsache, daß alle Eltern eines Heranwachsenden wohl die Frustration der hier geschilderten Eltern nachvollziehen können. In der Tat gehört diese Stelle zu den schwierigsten der ganzen Tora. Die Frage ist, ob wir die Tora überhaupt beibehalten sollten, wie sie ist, einschließlich Mitzwot wie der geschilderten, die so offensichtlich unmenschlich ist. Wie schlecht sich ein Kind auch benehmen mag und wie frustriert wir über sein Verhalten auch sind – seine Hinrichtung ist doch gewiß nicht die Antwort!
Eine Studentin, die diese Parascha studierte, empörte sie sich so sehr, daß sie sich weigerte weiterzuarbeiten. Sie wollte sich von einer Tora distanzieren, die eine derartig harte Bestrafung eines rebellischen Kindes auch nur in Betracht ziehen konnte. Ist es nicht gerade Aufgabe des Kindes, wollte sie wissen, sich gegen seine Eltern aufzulehnen?
Im Kern hatte die Studentin recht, und auch unsere Überlieferung hat mit diesem Gesetz zu kämpfen. Es ist aber zugleich ein eminent jüdisches Verhalten, in der Tora nach einem tieferen Sinn zu forschen. Wie konnte die Tora, die doch so wunderbare Einblicke in das Verhältnis von Eltern und Lehrern zu den Jungen unter Beweis stellt, scheinbar ein aufsässiges Kind derart preisgeben und die Lösung der Probleme mit ihm in seiner Hinrichtung suchen? Diese Stelle muß einen tieferen Sinn bergen.
Betrachten wir zunächst einige Kommentare der Weisen zu dieser Frage: Raschi meint, daß der aufsässige und trotzige Sohn nicht für das bestraft wird, was er ist, sondern für das, was schließlich aus ihm werden wird. Hat das Kind sich in seiner Jugend schon derart schlecht benommen, wird es als Erwachsener wahrscheinlich noch viel schlimmere Dinge tun. Nach dieser Deutung wird einem auch nicht viel wohler. Jemanden hinrichten, um mögliche künftige Sünden zu verhindern? Das klingt nicht eben nach Milde, selbst wenn eine Hinrichtung faktisch nicht stattfindet.
Der Talmud (Sanhedrin 71a) anderseits erklärt, daß solcher Fall jedoch niemals eingetreten ist und niemals eintreten wird. Viele Rabbiner kamen zu dem Schluß, daß sowohl die Mutter wie der Vater es wollen müssen, ihr Kind im vollen Bewußtsein anzuklagen. Die Eltern müßten zuerst beweisen, daß sie miteinander harmonisch leben, da eine schlechte Ehe sehr wahrscheinlich mitschuldig am Verhalten des Kindes wäre. Ein Rabbiner ging sogar so weit zu sagen, daß Mutter und Vater nicht nur genau dieselben Worte sprechen müssen, sondern daß der Ton und die Merkmale ihrer Stimmen identisch sein müssen. Damit scheinen eher die Eltern als das Kind unter Anklage zu stehen.
Ein aufsässiger und trotziger Sohn zu werden ist überhaupt nicht so einfach: Der Talmud (Sanhedrin 70a) erklärt, die Behauptung, das Kind sei „ein Schlemmer und Säufer” verweise darauf, daß es seinen Eltern Geld gestohlen haben muß, um große Mengen Fleisch und Wein zu kaufen. Sie erkären weiter, „ein Minderjähriger kann kein aufsässiger Sohn werden ... es muß sich um einen Sohn handeln, der aber noch nicht alt genug ist, selbst Vater zu sein ... Es muß sich um einen Sohn und darf sich nicht um eine Tochter handeln ... Er muß sowohl ein Schlemmer wie ein Säufer sein ... Hat sein Vater oder seine Mutter ihn übermäßig hart behandelt, kann er gar kein aufsässiger Sohn werden ... Verantwortlich ist er nur, wenn er sowohl Vater wie Mutter hat ... War sein Vater oder seine Mutter mit ihm zu nachlässig, kann er gleichfalls kein aufsässiger Sohn werden ... Ist sein Vater oder seine Mutter stumm, blind, oder taub, kann er kein aufsässiger Sohn werden“ (Talmud Sanhedrin 68-71).
Wenn aber so ein Fall völlig ausgeschloßen ist, warum wurde er dann überhaupt in der Tora genannt? „Damit man die Tora studieren und aus dem Studium selbst seinen Lohn schöpfen kann“, erklären die Weisen. Auch Rabbiner Salanter schrieb in seinem Buch „Torah Gems“ daß „die Pflicht zum Torastudium nicht nur der Kenntnis dessen dient, was wir zu tun haben und wie wir die Gebote erfüllen können, sondern daß wir die Tora um ihrer selbst willen studieren sollen, auch wenn wir sie niemals anwenden.“
In den meisten Fällen, in denen wir in der Tora auf etwas stoßen, von dem die Rabbiner behaupten, es habe sich „niemals ereignet“, haben wir mit einer hypothetischen Lage zu tun, die aus einem ganz bestimmten Grund angeführt wird. Kein Kind wurde hingerichtet, um ein Exempel zu statuieren. Vielmehr wurde diese Stelle selbst als Exempel aufgenommen. Die Hinrichtung wird vorgeschrieben, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen und ein Schlaglicht auf Situationen zu werfen, die wir sehr ernst nehmen sollten. Seine Eltern zu ehren und zu achten, die uns den rechten Weg durchs Leben weisen ist von sehr großer Bedeutung. Die Tora befaßt sich mit den zentralen Fragen unserer Lebensführung, und Kinder gehören zu diesen Fragen. Menschen, die diese Passage zur Zeit ihrer Entstehung gelesen haben, gingen vermutlich gleichfalls davon aus, daß man Kinder wegen schlechten Betragens nicht hinrichtet. Aber auch sie neigten dazu, schwierige Probleme zu ignorieren. Die Tora erlaubt uns schlicht und einfach nicht, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als würden Probleme von selbst verschwinden. Wir müssen uns ihnen stellen und uns mit ihnen auseinandersetzen.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 31.8.2006.


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