hauptmotiv

SCHOFTIM

Richter und Polizisten

Auslegung von Rabbiner Brandt

Der bekannte Ausspruch Rabbi Chaninas würde heutzutage wohl kaum ein erfolgheischendes politisches Manifest zieren. Denn, so sprach Rabbi Chanina: „Bete für das Wohlergehen der Obrigkeit, denn ohne Respekt vor ihr würden sich die Menschen gegenseitig lebend auffressen.“

Gewiss gibt es Länder und Gesellschaftsformen, die Richter und die Polizisten offensichtlich zu abhängigen Instrumenten bestimmter Machtinteressen degradiert haben. Dass aber auch in freien, demokratischen Ländern und Gesellschaften gelegentlich Misstrauen den Justizorganen gegenüber zu bemerken ist, gibt Anlass zu Nachdenklichkeit.

Dies sind die Worte, mit denen wir an diesem Schabat unsere Torahlesung
(5. Buch Mose, 16 – 21) eröffnen: „Richter und Amtsleute (nebenbei bemerkt: das hebräische Wort „Schotrim“, das in der Zürcher Bibel vorsichtig mit „Amtsleute“ übersetzt ist, bedeutet im modernen Hebräisch: Polizisten). Also Richter und Amtsleute sollst du dir bestellen in allen deinen Ortschaften, die der Herr, dein Gott dir geben wird, in jedem deiner Stämme, dass sie dem Volk Recht sprechen mit Gerechtigkeit. Du sollst das Recht nicht beugen, die Person nicht ansehen und nicht Bestechung annehmen, denn Bestechung macht das Auge des Weisen blind und verdreht die Sache dessen, der im Recht ist. Der Gerechtigkeit, nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, auf dass du am Leben bleibst und das Land erhältst, das der Herr, Dein Gott, dir geben wird.“

Ausgehend von der Realität der menschlichen Natur, sieht die Bibel das Einsetzen von Richtern und Rechtsbeamten als eine unumgängliche Notwendigkeit für ein funktionierendes Gesellschaftsgebilde. Ihnen obliegt es, unbeeinflussbar, unbestechlich und unparteiisch, im Bewusstsein ihrer Verantwortung, Recht zu sprechen und das Recht zu überwachen. Nach einer im Talmud vertretenen Auffassung muss der Richter selbst der Versuchung widerstehen, durch seinen Spruch gesellschaftliche Verbesserungen zu erreichen oder Sensibilitäten in Betracht zu ziehen. So liest man dort, ich zitiere: Der Richter soll nicht sagen: „Dieser Mann  ist arm und sein Kontrahent reich, und es ist des Letzteren Pflicht ihm in seiner Not zu helfen. Deshalb werde ich gegen den Reichen entscheiden und es so bewirken, dass dem Armen geholfen wird.“  Auch darf der Richter nicht sagen: „Wie kann ich diesen angesehenen Mann öffentlich wegen so einer kleinen Summe beschämen? Ich werde ihn freisprechen und ihm dann raten, den Schaden gutzumachen.“ Ende des Zitats.

Selbstverständlich sind auch Richter und Polizisten nur Menschen, begrenzt in ihrem Können, Wissen und in ihrer Einsicht. Absolute Gerechtigkeit muss deshalb Gott vorbehalten und für uns eine Abstraktion bleiben. Das Bewusstsein aber, dass Gerechtigkeit ein göttlicher Imperativ ist, und die Suche nach ihr, Erfüllung des göttlichen Willens, kann den Richter zu Unabhängigkeit, Gradlinigkeit und Ernsthaftigkeit anhalten. Das bedeutet keineswegs, dass er Einfühlungsvermögen, Nächstenliebe und Mitgefühl unterdrücken muss.

Erlauben Sie mir, dies mit einer Geschichte zu illustrieren. Eine Witwe brachte ihren Fall vor das Rabbinatsgericht des Städtchens Rimanow und verlor. Weinend kam sie zum Rabbi Hirsch Rimanower und beschwerte sich bitterlich über diesen Bescheid. So sehr der Rabbi sie zu trösten versuchte, es gelang ihm nicht. Und mit bitteren Tränen verließ die Witwe seine Gegenwart. Rabbi Hirsch ging zum Gerichtshof und bat die Richter, den Fall noch einmal durchzusehen, da er glaubte, es sei ihnen ein Fehler unterlaufen. Das taten sie dann auch aus Respekt vor ihm und, siehe da, es war so. Der Richtspruch wurde, natürlich zur Freude der Witwe, abgeändert.

Einer der Richter fragte Rabbi Hirsch, wie er denn den Fehler entdeckt hätte. Er erwartete als Antwort eine ausführliche und gelehrte Dissertation über die feineren Punkte des Gesetzes. Anstatt dessen zitierte Rabbi Hirsch einem Satz aus den Psalmen: „Das Gesetz des Herren ist vollkommen, es erquickt die Seele.“ Er erklärte dazu: „Ein wahrer Rechtspruch, der auf Gottes Gesetz beruht, erfrischt die Seele und ist auch für den Verlierer annehmbar. Da ich sah, dass dies bei der Witwe nicht der Fall war, wusste ich, dass das Urteil falsch sein musste!“

Rechtsprechung und Gerechtigkeit sind nicht das Gleiche. Die Pflege der Gerechtigkeit als Fundament einer friedlichen Gesellschaft ist Sache von jedem und allen. Der biblische Begriff der Gerechtigkeit gründet sich auf dem Glauben an die Gleichheit aller Menschen trotz der Ungleichheit ihrer körperlichen und geistigen Ausstattung. Da wo diese Gerechtigkeit verletzt wird, setzt die Aufgabe des Richters und der Justizorgane ein. Im Geiste der Bibel erfüllt, ist diese Aufgabe ein Friedenswerk und die sie ausführen sind Diener des Friedens. So sprach dann auch der Prophet Isaiah: Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein, und die Frucht des Rechtes Sicherheit auf ewig!“

Ich entbiete Ihnen, meine lieben Zuhörer, den Gruß des Schabat-Friedens: Schabat Schalom

Veröffentlichung mit freundicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 21.9.2009.

31.08.2012 Artikelarchiv >>
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