hauptmotiv

KORACH

Wider den Bösen Blick

Auslegung von Rabbinerin Treiger

An diesem Schabbat wird in der jüdischen Gemeinde zu Delmenhorst die erste Bar Mizwa seit der Schoa gefeiert. Mit der Bar oder Bat Mizwa wird ein Jugendlicher vollwertiges Mitglied der Gemeinde. In den größeren jüdischen Gemeinden ist das schon keine Seltenheit mehr, aber in einer kleinen Gemeinde wie Delmenhorst brauchte es Zeit, um das jüdische Leben wieder aufzubauen. Die Bnej Mizwa, Benjamin und David, die dann zum ersten Mal in ihrem Leben dazu aufgerufen werden, aus der Tora zu lesen, sind Zwillinge.
Für diese Situation schreibt der Schulchan Aruch, ein mittelalterliches Gesetzeskompendium, folgendes vor: "Es kann passieren, dass zwei Brüder einer nach dem anderen zur Toralesung aufgerufen werden. Man stelle sie nicht nacheinander wegen des bösen Blicks."
Aus diesem Grund werden die beiden Brüder die Aufrufe mit einem Abstand bekommen, zwischen ihnen wird jemand aufgerufen, der nicht zur Familie gehört. Dieser Brauch wird nicht als Aberglaube bezüglich des sogenannten Bösen Blicks gedeutet, sondern auf den Aufstand von Korach und seinen Genossen zurückgeführt.
Das Wort vom „Bösen Blick“ ist ein Ausdruck, der für viele verschiedene menschliche Gefühle steht,  vor allem aber für Neid. Schauen wir uns die Situation vor 3000 Jahren an, die die Bibel beschreibt:
Mosche und Aharon, zwei Brüder, besetzen die zwei wichtigsten Führungspositionen. Mosche ist oberster Befehlshaber und oberster Richter, sein Bruder Aharon ist der Hohepriester. Zwei wichtige Ämter innerhalb derselben Familie. Das führt zu Misstrauen und schließlich zu Rebellion. Die Aufständischen fragen:
הַמְעַט …כִּי תִשְׂתָּרֵר עָלֵינוּ גַּם הִשְׂתָּרֵר:
Gekürzt und zeitgemäß übersetzt heißt das: Habt Ihr uns aus Ägypten herausgeführt, um über uns zu herrschen?
In diesem Aufstand wird, wie oftmals, wenn Menschen empört sind, alles in einen Topf geworfen.
Philo von Alexandria schreibt in seinem Werk „Über das Leben Mose“: „Mosche hat aus dem ganzen Volk seinen Bruder zum hohen Priester berufen wegen seiner hohen menschlichen Qualitäten. Die Söhne von Aharon bestimmte er zu Priestern, nicht weil er die Familien-Verwandtschaft bevorzugen wollte, sondern wegen ihrer wohltätigen Eigenschaften und der Heiligkeit, die unter ihnen war. Der Beweis dafür ist, dass er nicht mal seine eigenen zwei Söhne für die Priesterschaft bestimmte, sondern die seines Bruders.“
Bei den Vorwürfen werden Einsatz und Mut von Mosche und Aharon gegenüber dem Pharao völlig ignoriert, ebenso wie ihre besonderen Fähigkeiten das Volk zu führen.
Mosche wendet sich in seiner Not an G-tt und beteuert, dass er nicht mal einen Esel genommen und keinem etwas Böses angetan habe. Schließlich kommt G-tt selbst seinen Auserwählten zu Hilfe und bestätigt damit ihre Unschuld.
Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse gibt es in verschiedenen Sphären unseres Lebens: bei der Arbeit ebenso wie innerhalb von Familien oder im öffentlichen Leben. Dabei können den gleichen Verhaltensweisen höchst unterschiedliche Motive  zugrunde liegen. Es kann sein, dass jemand seine Aufgaben mit reinem Herzen und voller Hingabe tut, für das Wohl der Menschen, für die er oder sie verantwortlich ist und jemand anderes tut das Gleiche nur um seine Machtposition zu stärken. Es hängt von uns ab, wie wir mit unseren Möglichkeiten umgehen und unsere Lebensaufgaben erfüllen.
Indem wir morgen bei der Bar Mizwa der Zwillinge Benjamin und David mit einer kleinen Geste an Moses und Aharon erinnern, verweisen wir auf ihre Hingabe und die Reinheit ihrer Motive, die von G’tt gesehen und belohnt wird, so wie es in Pirkey Awot, den Sprüchen der Väter, steht: „Strebe nicht nach Ansehen für dich, und begehre nicht die Ehre; Wünsche nicht den Tisch der Fürsten, denn dein Tisch ist größer als ihr Tisch und deine Krone ist größer als ihre Krone, und dein Arbeitgeber ist aufrichtig, Er wird dir nach deinem Handeln zahlen.“

Schabbat Schalom!

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks. Dort gesendet am 24.6.2011.


07.07.2017 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Beherzter Macher

Henry G. Brandt wurde am 25. September 90 Jahre alt – eine persönliche Würdigung

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Mitte der 90er-Jahre habe ich Rabbiner Henry Brandt bei einer Tagung des wieder entstehenden liberalen Judentums kennengelernt. Unter der...

Lesen Sie mehr...

Portrait Rabbiner Henry Brandt


Paraschat Haschawua

WAREJA

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Früchte der Selbstlosigkeit

Gastfreundschaft und andere gute Taten werden belohnt – in der Tora gibt es mehrere Beispiele dafür

Dem Patriarchen Awraham kommt im Judentum eine besondere Bedeutung zu. Er gilt als Säule der Welt, weil ihm von Gott das Geheimnis des Lebens offenbart wurde. Es besteht in der Erkenntnis der göttlichen Gnade und Gunst. Awraham liebte diese Eigenschaften des...

03.11.2017   Lesen Sie mehr...