hauptmotiv

BAMIDBAR

Zahlenmanie

Auslegung von Rabbiner Brandt

An diesem Schabat beginnen wir das vierte Buch Moses zu lesen, dass zwar in Hebräisch „Bamidbar“ - „In der Wüste“ - genannt wird, aber dem des Hebräischen nicht kundigen besser als das Buch „Numeri“, das Buch der Zahlen bekannt ist. Diese Benennung ist leicht erklärbar, erzählen doch die ersten Kapitel dieses Buches von der Zählung, dem Zensus der Kinder Israel in der Wüste Sinai. Für uns ist jedoch von besonderem Interesse zu bemerken, dass diese wie auch andere Volkszählungen der Antike immer von einem gewissen Unbehagen, einer unverkennbaren Bedrückung gezeichnet war, als wäre es unrecht, Köpfe zu zählen. Heutzutage scheint man sich alle Vorbehalte und jedes Unbehagens entledigt zu  haben. Weniger das Gezähltwerden als das Zählen selbst ist zur Mode, ja fast zur Manie geworden. Bei jeder Gelegenheit und bei jedem Anlass ergießt sich eine Flut von Zahlen und Ziffern über uns. Eine Krise, eine Spannung irgendwo auf dem Erdenrund, gleich beginnt der Strom von Zahlen, so viele Soldaten, so viele Tanks, so viele Flugzeuge und so weiter. Krisen- oder Waffenzählungen nicht mehr gefällig? Macht nichts, zählen wir die Raucher, die Trinker, die Drogensüchtigen. Welcher Prozentsatz der Bevölkerung hatte Sex vor der Ehe? Wie viele schreiben mit der linken Hand? Welche Automarke, hat welchen Marktanteil? Und wie viel wäscht Marke X weißer? Und so weiter und so fort. Gruseliger als bei diesen Nummernspielen überkommt es einen, wenn die Nummern die Zahlen unbeherrscht und ungerufen in die eigene persönliche Sphäre eindringen. Zehn-, Fünfzehn-, Zwanzigstellige Zahlen, die anstelle unseres Namens und Adresse auftauchen, die bei Beantwortung, Be....., Bezahlung, Forderung, Auskunft, Gebot und Tod anzugeben sind. Wer bist du? Nummer bitte! Was bist du? Nummer bitte! Woher kommst du? Wohin willst du? Nummer bitte! Ja, wer bin ich? Eine Nummer? Löcher in einer Karte, elektronische Impulse auf einem magnetischen Band?
Erinnert man sich noch, dass man Mensch ist?  Einzigartig, Unwiederholbar, als Ebenbild Gottes geschaffen und nur ein wenig niedriger als die Engel. Hat man vergessen was Gefühl und Würde, Eigenständigkeit und Selbstverantwortung bedeuten? Sind wir schon nahe der Gefahr, durch wenige Fingerdrücke auf einer Tastatur gemacht und ausgelöst zu werden? Vielleicht, aber noch ist es nicht zu spät, oder?

Ich entbiete meinen lieben Zuhören den Gruß des Schabat Friedens. Schabat Schalom!

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 14.05.2010

 



02.06.2017 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Abraham Geiger Kolleg Berlin

Angehende Rabbinerin Jasmin Andriani

von Julia Haak

Jasmin Andriani nimmt eine Torarolle aus dem Schrank und legt sie auf ein kleines Pult mitten im Raum. Sie entfernt die Krönchen auf den Rollenenden, zieht den schützenden Stoff vom...

Lesen Sie mehr...

Rabbiner Andreas Nachama im Berliner Ratschlag für Demokratie


Paraschat Haschawua

BALAK

Auslegung von Rabbiner Lengyel

Identität und Sprache

Wie vielfältig die jüdische Interpretation der Tora sein kann, zeigt uns der Wochenabschnitt  Balak.

Nach fast vierzig Jahren Wüstenwanderung war Israel fast am Ziel und das Volk in den Ebenen Moabs angekommen. Das Land lag schon vor seinen Augen. Der König von Moab, Balak, rief Bileam zu sich, er sollte dank seiner prophetischen Fähigkeiten das...

19.07.2019   Lesen Sie mehr...