hauptmotiv

TASRIA

Zaun mit Rosen

Es gibt Tage, an denen Mann und Frau ihr Verlangen zügeln müssen

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Der Wochenabschnitt Tasria beginnt mit Ausführungen zum Thema Geburt sowie Vorschriften über die Beschneidung. »Wenn eine Frau Kinder bekommt, wenn sie einen Knaben gebiert, so ist sie sieben Tage unrein; sie ist unrein wie in den Tagen, da sie wegen ihres Unwohlseins abgesondert bleibt. Und am achten Tage soll man ihn am Fleisch der Vorhaut beschneiden« (3. Buch Moses 12,1–3).

Die Mizwa der Beschneidung begegnet uns schon im 1. Buch Moses, als G’tt mit Awraham einen Bund schließt. Wie der Schabbat und die Gebetsriemen ist die Brit Mila ein Zeichen (Ot) für den ewigen Bund mit G’tt. Wie ein Stempel am Körper eines Juden ist die Beschneidung, die uns bekannt ist als Brito schel Awraham Awinu, als Bund unseres Stammvaters Awraham.

VERTRAUEN

Maimonides, der Rambam (um 1135–1204), versteht diesen Bund auch als Zeichen für unser G’ttvertrauen. Wir sollten G’tt zwar durch Befolgen seiner Gebote dienen, jedoch nicht nur als Erinnerung an die alten Zeiten. Vielmehr besteht die Mizwa der Beschneidung darin, dass sie entsprechend dem Befehl der Tora ausgeführt wird und nicht, weil Awraham mit G’tt diesen Bund schloss. So wie es im 1. Buch Moses geschrieben steht, bringen wir den Knaben am achten Tag nach seiner Geburt zum gleichen Bund, wie er zwischen G’tt und Awraham geschlossen wurde. Durch Einhaltung der von G’tt gegebenen Gebote dienen wir Ihm und schaffen so eine Verbindung zu Ihm. Das heißt, die Gebote sind eine Brücke zwischen G’tt und uns Menschen.

Der Midrasch Tanchuma berichtet uns von einem Disput zwischen Rabbi Akiwa und dem Römer Tornus Rophus. Rophus fragte den berühmten Rabbi: »Warum macht ihr Juden die Beschneidung? Wenn G’tt es gewollt hätte, die Mila zu haben, warum kommen dann die Knaben nicht gleich beschnitten zur Welt?« Darauf antwortete Rabbi Akiwa: »G’tt gab dem Volk Israel die Mizwot als Zeichen der Einheit.« Die Erfüllung des Gebotes der Brit Mila ist zwar die Pflicht eines jeden jüdischen Vaters, dennoch hat dieser die Wahl, ob er sie durchführen lässt oder nicht.

REINHEIT

Unser Wochenabschnitt behandelt vor allem die Fragen rein und unrein. Körperliche Unreinheiten wie das Blut nach der Geburt und während der Menstruation sind aus biologischer Sicht Produkte der menschlichen Natur. Sie erfordern Körperhygiene. Die in diesem Zusammenhang zu erfüllenden Gebote sind aber auch als Dienst an G’tt zu betrachten. Denn schließlich ist der Mensch nicht nur eine spirituelles Wesen, sondern aus Fleisch und Blut gemacht, das sich G’tt verpflichtet hat, ihm nicht nur mit seiner Seele, sondern auch mit seinem Körper zu dienen.

Die Erfüllung der Mizwot führt uns zur Heiligung (Hebräisch: Keduscha), einem Begriff, der als Antwort für viele uns unklare Gebote und Verbote der Tora zu verstehen ist. G’tt ist heilig und hat durch die von Ihm befohlenen Gebote auch uns geheiligt. Für das heutige Volk Israel sind die Vorschriften über Reinheit und Unreinheit seit fast 2.000 Jahren nicht mehr existent. Aber die Verpflichtung zur Befolgung der Vorschriften von Nida (Frau während der Periode) und Tewila (Eintauchen in der Mikwe) hat bis heute ihre Gültigkeit behalten und spielt nach wie vor die wichtigste Rolle.

Diese Vorschriften lassen sich nicht auf das Phänomen rein oder unrein reduzieren, sondern stellen ein eindeutiges Verbot dar, das ein Paar unbedingt zu beachten hat. Triebe Von der Bar- und Batmizwa an bis zum Tod müssen wir permanent einen Ausspruch beherzigen: »Schiwiti Haschem le-negdi tamid – ich stelle mir vor, dass G’tt stets vor mir steht«. Die Erfüllung der Mizwot ist eine Frage der Disziplin und immer in unserem Bewusstsein präsent, insbesondere im Intimleben zwischen Mann und Frau.

MIKWE In Momenten, in denen der Trieb den Mann sehr stark beherrscht, seine Frau aber Nida ist, muss er lernen, so lange Enthaltsamkeit zu üben, bis die Frau vom Besuch der Mikwe zurückgekehrt und nun die unreine Zeit vorüber und sie für ihn wieder rein ist.

Ein schönes Beispiel dazu findet sich im Hohelied Salomons, Schir HaSchirim. Es erwähnt zwar G’ttes Namen nicht, aber es beinhaltet die Praxis der Nähe zwischen Mann und Frau und symbolisiert so nach der überlieferten Tradition auch die Verbindung zwischen G’tt und dem Volk Israel.

Der Midrasch Schir HaSchirim (Kap. 7, Vers 3) schreibt: »Dein Nabel – eine runde Schale, nicht fehlt darin der Wein; dein Leib – eine Weizengarbe, umhängt von Rosen« (Bitnech aremat chitim Suga ba-Schoschanim). Das Wort Suga bedeutet Zaun. Der Midrasch fragt: Seit wann machen wir einen Zaun mit Rosen? Normalerweise baut man den Zaun um ein Feld mit Dornen oder anderen Hindernissen, um fremden Zutritt auszuschließen. Was aber bedeutet der beschriebene Zaun aus Rosen in unserem Fall?

CHUPPA Damit sind die milden Mizwot gemeint, so wie uns zum Beispiel Rosen mild stimmen. Hier wird auf die in der Realität einzigartig tiefe Verbindung zwischen Mann und Frau angespielt. Die Andeutung sagt aus: Der Bräutigam sehnt sich danach, unter der Chuppa zu stehen, weil der Hochzeitstag der schönste Tag im Leben eines Menschen ist, an dem er seine Liebe bekundet und der erwählten Partnerin das Jawort gibt. So zeigt er, dass er sie begehrt, um seine starke Liebe beweisen zu können.

Auf die Werbung des Bräutigams antwortet die Braut: »Keschoschana raiti – ich sehe aus wie eine Rose«. Das bedeutet: »Ich habe einen Tropfen Blut in mir entdeckt«. Dies ist die Information an ihn, dass es sich zu beherrschen gilt, bis diese Tage überstanden sind.

Und was bedeutet der Zaun? »We-el ischa benidat tu mata lo tikraw« – Wenn eine Frau durch ihre Periode Nida ist, darf man sich ihr nicht nähern. Mit diesen Worten teilen sich Mann und Frau gegenseitig mit, wann sie ihr Verlangen zügeln und ihren Trieb sozusagen »abschalten« müssen. Daher heißt es: Suga baSchoschanim – Zaun mit Rosen. Die im Midrasch geschriebenen Worte richten sich an Mann und Frau und fordern beide auf, durch ihr Verhalten in dieser Zeit G’tt auf besonders hohem Niveau zu dienen.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 31.3.2011
 



18.04.2013 Artikelarchiv >>
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