hauptmotiv

KI TISSA

Langmut kommt nach dem Fall

Die Geschichte vom Goldenen Kalb: Warum es sinnvoll war, den Ewigen an seine Versprechen zu erinnern

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

In Paraschat Ki Tissa lesen wir die Geschichte vom Goldenen Kalb, das nicht nur im Judentum, sondern in der ganzen westlichen Tradition zum Symbol des Götzendienstes geworden ist.
Am Sinai hatte das Volk Israel erklärt: „Alles, was der Ewige gesagt hat, wollen wir tun“ (2. Buch Moses 24,3). Doch schon kurz darauf, als Mosche zu lange auf dem Berg blieb, wurden die Israeliten ungeduldig und forderten Aaron, den Bruder Mosches, auf, ihnen einen Gott, ein Götzenbild anzufertigen. Wir sind es heute im Sport und in der Welt des Showbusiness gewohnt, dass das Volk wankelmütig ist. Aber der Umschwung der Israeliten von der öffentlichen Erklärung, Gottes Willen erfüllen zu wollen zur Anbetung des Goldenen Kalbes ist doch immer noch rekordverdächtig!
Wie reagiert Gott auf diesen Abfall des Volkes, das er gerade erst mit viel Mühe und allerlei Wundern aus Ägypten gerettet hat? Wie reagiert Mosche, der das Volk geführt hat, obwohl er zuvor alles getan hatte, um sich diesem Auftrag zu entziehen?
Gott will offensichtlich seinem Zorn freien Lauf lassen und das ganze Volk vernichten: „Und jetzt lass mich in Ruhe, dass mein Zorn gegen sie brenne und sie vertilge“ (32,10). Mosche jedoch lässt Gott nicht in Ruhe wüten, sondern bittet für das Volk Israel. Er verteidigt nicht, was das Volk getan hat, sondern warnt Gott, dass sein Ansehen unter den Völkern Schaden neh- men werde. Die Ägypter würden eine Bestrafung Israels nämlich als Heimtücke ansehen – als ob Gott Israel nur aus Ägypten befreit hätte, um es dann in der Wüste zu vernichten. Vor allem aber erinnert Mosche Gott daran, dass er Sara, Abraham und ihren Kindern verheißen habe, ihre Nachkommen so zahlreich wie die Sterne des Himmels zu machen.
Schon den Midraschim, antiken jüdischen Bibelauslegungen, ist die merkwürdige Formulierung des Textes aufgefallen: „Lass mich in Ruhe, dass … Gott ist doch der Schöpfer von Himmel und Erde, Er hat Israel auserwählt und das Volk befreit. Wieso macht Er sich jetzt von Mosche abhängig? Es scheint so, als habe Gott sich von ihm überzeugen lassen wollen, Israel nicht aufzugeben, sondern diese einzigartige Beziehung fortzusetzen.
Mosche erfüllt nicht nur diesen indirekten Wunsch Gottes, überzeugt zu werden, sondern er tut noch mehr. Zwar lässt er seinem eigenen Zorn freien Lauf und zertrümmert aus Ärger über das Volk die Tafeln mit den Zehn Geboten, doch wenig später bittet er Gott: „Zeige mir Deine Ehre!“ (2. Buch Moses 33,18). Dabei geht es nicht um oberflächliche Neugier. Sondern Mosche ist – bei allem eigenen Ärger über Israels Verhalten – tief erschüttert darüber, dass Gott scheinbar bereit ist, sein Volk zu vernichten. Was ist das für ein Gott, der mal Großes verspricht und dann mal wieder alles hinschmeißen möchte? Ist diesem Gott zu trauen? Auch die Erfahrung der Katastrophen unserer Zeit, allen voran die Schoa, drängt uns diese Frage immer wieder auf.
Als Antwort auf Mosches Bitte „Zeige Dich mir!“ erscheint ihm Gott. Nicht von Angesicht zu Angesicht, denn das könnte Mosche nicht überleben, aber doch so, dass Mosche Seinen Rücken sehen kann. Bei dieser Gelegenheit spricht Gott von sich selber und teilt Mosche – und dadurch uns – mehr über sein Wesen mit, als wir irgendwo sonst in der Tora lesen können. Die jüdische Tradition nennt diese Stelle die dreizehn Middot, die dreizehn Attribute Gottes, und hat sie auch in das Gebet der Synagoge aufgenommen. Vor allem zu Rosch Haschana und Jom Kippur wiederholt die Gemeinde immer wieder diese Worte, mit denen sich Gott gezeigt hat, um Ihn an sein Versprechen zu erinnern: „Ewiger, Ewiger, Gott, barmherzig und zugewandt, langmütig, reich an Gnade und Wahrheit, bewahrt Gnade für tausende, hebt auf Sünde und Schuld und Fehler und läutert“ (34, 6-7).
Die jüdische Tradition scheut meist die theologische oder philosophische Rede von Gott: Man soll nicht in die inneren Geheimnisse Gottes eindringen, so wie man auch nicht über die Zeit vor der Erschaffung der Welt spekulieren soll oder darüber, was nach dem Tode geschieht. Hier aber lässt die Tora diese Zurückhaltung ein wenig beiseite. Paradoxerweise ist gerade die Episode vom Goldenen Kalb Anlass für die Selbstoffenbarung der göttlichen Liebe und Vergebung.
Vielleicht ist es aber auch kein Paradox, sondern nirgendwo passender und notwendiger als hier: Gerade angesichts dessen, dass sich das Volk ganz von ihm abgewandt hat, bekräftigt Gott nicht nur die Verheißungen, die er den Erzeltern gab – das Land Israel zu erben, ein großes Volk und ein Segen für alle Völker zu sein –, sondern Er zeigt sich als der Tröster Israels. Auf diese Offenbarung von Gottes Wesen antwortet die Gemeinde im Gebet der Hohen Feiertage mit den Worten des Psalms: „Und ich bringe mein Gebet zu Dir, Ewiger, zur wohlgefälligen Zeit, Gott, aus der Fülle Deiner Gnade, antworte mir mit Deiner rettenden Wahrheit!“ (Psalm 69,14).
Indem Gott sich gerade in Antwort auf Israels Tanz um das Goldene Kalb als „barmherzig und zugewandt“, als „langmütig, reich an Gnade und Wahrheit“ zeigt, ermöglicht Er auch uns, immer wieder vor Ihn zu treten, auch wenn wir uns gelegentlich enttäuscht oder empört von Ihm abwenden.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 21.02.2008


17.03.2012 Artikelarchiv >>
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