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WAJISCHLACH

Angst kann Kräfte freisetzen

Auslegung von Rabbinerin Ulrike Offenberg

„Angst essen Seele auf“. Das ist der Titel eines berührenden Films von Rainer Werner Fassbinder. Angst kann lähmen und die Möglichkeit zum Handeln nehmen, Angst kann auch ungeahnte Kräfte freisetzen. Im Torahabschnitt dieser Woche schauen wir Jakob zu, wie er mit der Angst vor dem Wiedersehen mit seinem Bruder umgeht.

Jakob ist auf dem Weg nach Hause. Zwanzig Jahre lebte er bei Laban, wohin er floh, nachdem er seinen Bruder Esau um den Segen des Erstgeborenen betrogen hatte. Esau schwor sich in seiner Wut: „Wenn mein Vater tot ist, dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen“ (Gen 27, 41). Unsere biblischen Erzählungen handeln nicht von mythologischen Kämpfen zwischen Göttern, sondern sind voller Bruderkriege. Es scheint, dass sich die Geschichte von Kain und Abel durch alle Generationen zieht.
Jakob aber, diesmal von Laban davongelaufen, kehrt heim und weiß, dass er sich nun seinem Bruder stellen muss. Er sendet Boten zu Esau und lässt ihm sagen, dass er in friedlicher Absicht komme. Die Antwort der Boten aber übersteigt seine schlimmsten Befürchtungen: Esau zieht ihm bereits entgegen, und bei ihm sind 400 Männer. Große Angst packt Jakob – Angst um seine Frauen, um seine elf Kinder, um sein Hab und Gut, und Angst um sich selbst.

Wie geht Jakob mit dieser Angst um? Er entwickelt drei Strategien. Er überlegt, erstens, zu fliehen und teilt sein Lager – wenn die eine Hälfte überfallen und erschlagen wird, sollte wenigstens die andere Hälfte entkommen können. Zweitens betet er und zeigt Gott seine Angst: „Rette mich doch aus meines Bruders Hand, aus Esaus Hand, denn ich fürchte ihn, dass er komme und mich umbringe sowie Mütter samt Kindern.“ (Gen 32, 12). Und drittens versucht er, seinen Bruder mit üppigen Geschenken zu besänftigen. Von seinem Besitz sondert er große Herden von Schafen, Kamelen, Eseln ab und lässt sie Esau überbringen. Wer Frieden will, muss freigebig sein.

Dann bleibt Jakob in der Nacht allein am Ufer zurück und kämpft mit einem mysteriösen Unbekannten. Keiner kann den anderen besiegen, aber Jakob gibt den Kampf nicht auf, auch nicht, als der andere ihn schwer auf die Hüfte schlägt. Er hält den Fremden fest: „Ich lasse dich nicht gehen, segne mich erst!“ (Gen 32, 27). Es scheint, als wolle Jakob sich diesmal durch aufrechten Kampf verdienen, was er sich zuvor von seinem Vater durch List erschlichen hatte: den Segen. Aber der Segen wird ihm nun auf besondere Weise, in Gestalt einer Namensänderung zuteil: „Du sollst nicht mehr Jakob genannt werden, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gerungen, und konntest dich behaupten“ (Gen 32, 29).

Jakob, dessen Verhalten bislang häufig durch Tricks oder durch Davonlaufen gekennzeichnet war, wird in diesem Kampf zu einer Konfrontation gezwungen. Er muss sich seinen Ängsten stellen. Zum Lohn wird er gesegnet und erhält einen neuen Namen. Namensänderungen sind Ausdruck einer Wesensänderung, einer neuen Identität. Der Kampf mit dem Unbekannten hinterlässt bei Jakob Spuren an Körper und Seele. Fortan wird er durchs Leben hinken, aber es wird gerade sein gekrümmter Gang sein, der seine Wandlung zu einem aufrechten Menschen verdeutlicht. Zu Israel wird Jakob erst in diesem Kampf. Er wird danach seinem Bruder demütig gegenübertreten – und es ist seine veränderte Persönlichkeit, die Esau anrührt, nicht die vielen Geschenke. Und auch Esau hatte sich gewandelt – es ist ihm gelungen, seinen Hass auf den Bruder in Wiedersehensfreude umzuwandeln. Der Wochenabschnitt, der mit großer Angst vor der Begegnung mit dem Bruder begonnen hat, endet mit der Versöhnung der beiden: Als der Vater stirbt, begraben sie ihn gemeinsam.

Menschen sind nicht dazu verurteilt, einen Bruderzwist in Mord und Totschlag ausarten zu lassen. Wir können wachsen, reifen und Formen des Miteinanderlebens finden.

Schabbat Schalom!

Mit freundlicher Wiederverwendung des rbb, dort gesende am 4. Dezember 2020.

16.12.2022 Artikelarchiv >>
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