hauptmotiv

BECHUKOTAJ

Als Gesellschaft angesprochen

Auslegung von Rabbiner Henry Brandt s''l

Die Frage nach der Strafe für die Sünder und Bösen, und nach dem Lohn für die Un-schuldigen und Guten ist weder neu noch originell. Nicht erst in unserer Zeit und nicht nur im Zusammenhang mit dem Gräuel der Schoa wurde diese Frage zum anklagenden Aufschrei der Gequälten und Gepeinigten.

Mit doppelter Betroffenheit lesen wir die Worte des Torahabschnittes dieser Woche. Einmal betroffen durch die, unsere Sinne wie Hammerschläge treffenden, eindeutigen Verheißungen von großem Lohn für gottgefälliges Verhalten oder züchtigender Strafe für das Verlassen Seiner Wege. In ihrer Deutlichkeit lässt die Bibel kein „Wenn" und „Aber" zu: Dem Bösen folgt die Strafe auf dem Fuße, ganz wie dem Guten großer und offensichtlicher Lohn versprochen wird. Verdoppelt wird unsere Betroffenheit durch unsere Erkenntnis, dass diese kausale Verbindung nicht unserer Erfahrung entspricht, ihr geradezu Hohn spricht. Auf jeden Fall erscheint es uns so.

Liegt der Segen des Friedens, des Wohlstands und der Zufriedenheit über den Guten und Gerechten, die zumindest bemüht waren auf den Wegen der Gebote zu gehen? Und schlagen die Flüche der Zerstörung, des Hungers und des qualvollen Todes erkennbar die Übeltäter die eben die Grundsätze dieser Gebote mit Füßen getreten haben?

Beim genaueren Hinsehen bemerken wir, dass dieser gesamte Abschnitt in der Form der Mehrzahl gehalten ist: Er spricht nicht den Einzelnen, sondern die ganze Gesellschaft, wenigstens die größere gesellschaftliche Einheit an. Als integraler Bestandteil dieser Gesamtheit ist der Einzelne betroffen, ob er nun zu den Guten oder den Sündern gehört. Sein Schicksal in der Gesellschaft wird nicht durch sein eigenes Verhalten, sondern durch die Taten der Gesellschaft, in der er lebt, bestimmt.

Hören wir die Worte der Bibel als an uns als Gesellschaft gerichtet an, und lassen wir zur selben Zeit vor unserem inneren Auge, die uns so wohlbekannten Bilder des Grauens und der Zerstörung erscheinen, dann scheint die Verbindung plötzlich nicht nur plausibel, sondern sogar zwingend. „Der den Wind sät, wird den Sturm ernten" ist mehr als ein frommer Spruch. So können wir die in diesem Wochenabschnitt enthaltenen Warnungen und Versprechungen als Aufruf an die Gesellschaft, an die Völker und Nationen, auffassen, sich zu den Geboten und Richtlinien des Wortes Gottes zu bekennen und diese als Grundlagen ihres Handelns einzusetzen; dies für den Frieden, das Wohlergehen und der Befriedigung aller Menschen. Denn was sind diese Satzungen und Gebote anderes als der Aufruf zur Gerechtigkeit, zur Nächstenliebe, zur Wertschätzung der gesamten Schöpfung und deren verantwor-tungsbewussten Nutzung und Verwaltung!? Was Anderes sind sie denn als ein Appell für Frieden, Nachsicht und Verständnis, Selbstdisziplin und Rücksicht auf Andere. So wird über die Torah ausgesagt: „Ihre Wege sind Wege der Anmut und alle ihre Pfade - Frieden.“

Ich entbiete Ihnen, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, den Gruß des Schabatfriedens: Schabbat Schalom.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunk (NDR), dort gesendet am 31.05.2019.

10.06.2022 Artikelarchiv >>
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