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SCHEMINI

"Koscher" bedeutet auch umweltverträglich

Auslegung von Rabbinerin Ulrike Offenberg

Was und wie wir essen, ist ein zentraler Aspekt unserer Identität, mit dem wir unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur und Gruppe zu erkennen geben. Ob vegetarisch, vegan oder Bio und regional – wir erkennen einander an unseren Diäten. Das war zu biblischen Zeiten nicht anders.

In dieser Woche lesen wir in der Torah den Abschnitt „Schemini“, in dem es heißt: „Dies sind die Tierarten, die ihr essen dürft…“ (Lev. 11:2). Die nun folgenden Speisevorschriften richten sich an ganz Israel: „Von den Säugetieren dürft ihr nur die essen, die Wiederkäuer sind und ganz durchgespaltene Hufe haben!“. Das erfasst also nur Rind, Schaf, Ziege und Damwild – letzteres aber nur, wenn es geschächtet wurde. Das heißt, das Tier darf nicht bei der Jagd erlegt werden oder durch andere Umstände zu Tode kommen, sondern allein durch einen schnellen Schnitt durch Halsschlagader und Luftröhre, wodurch das Tier binnen Sekunden das Bewusstsein und das Leben verliert. Ich weiß, das klingt nicht sehr appetitlich, aber wer auf Fleisch und Wurst nicht verzichten mag, muss sich auch mit der Vorgeschichte der Produkte in den Kühltheken auseinandersetzen.

Von den Tieren, die im Wasser leben, sind nur diejenigen zum Verzehr erlaubt, die Schuppen und Flossen aufweisen. Beim Geflügel werden nur die fliegenden Lebewesen aufgeführt, die zum Genuss verboten sind. Auch Insekten gelten als ungenießbar.

Man hat oft versucht, die jüdischen Speisevorschriften mit hygienischen oder gesundheitlichen Begründungen zu versehen. Die Trennung von Milch- und Fleischprodukten sei förderlich für die Verdauung. Oder: Schweinefleisch verdirbt in der Hitze des Nahen Ostens schnell, darum wurde es gleich ganz verboten. Aber das stimmt so nicht: Das Schwein ist nur eines unter vielen unkoscheren Tieren - es wurde jedoch zum Inbegriff des Abscheus, weil Nachbarvölker es züchteten und aßen. Von Ausgrabungen ist bekannt, dass sich Siedlungen der Philister und der Israeliten dadurch unterscheiden lassen, ob sich dort Speiseüberreste von Schweinen finden oder nicht. Das bedeutet, dass Essen und der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel auch damals Zeichen einer kulturellen oder religiösen Distinktion waren.

Die Torah gibt eine eindeutige Begründung für die Anordnungen über unsere Speisekarte. Es heißt: „Denn ich bin der Ewige, dein Gott: Du sollst dich heiligen und heilig sein, denn ich bin heilig.“ (Lev. 11:43). Bei jeder Mahlzeit und bei jedem Snack müssen wir einen Moment innehalten und überlegen, was wir da zu uns nehmen. Jüdische Kultur findet nicht allein im Heiligtum oder in der Synagoge statt. Aber dabei geht es nicht allein um kulturell-religiöse Abgrenzung: Der Kerngedanke der Heiligkeit, die sich in unserer Esskultur ausdrücken soll, verweist uns auf einen bewussten Umgang mit der Schöpfung.

In den letzten Jahren erweitern viele Jüdinnen und Juden die Speisevorschriften auf ein Konzept des Ökokaschrut. Es kommt also nicht allein darauf an, wie ein Tier getötet wird, sondern auch darauf, wie es davor gelebt hat. Koscher bedeutet demnach, nur Produkte von Tieren zu essen, die artgerecht und umweltverträglich gehalten wurden. Wenn wir unseren Auftrag als Ebenbild Gottes so verstehen, dass wir verantwortungsvoll mit der uns anvertrauten Pflanzen- und Tierwelt umgehen, verwirklichen wir Heiligkeit. Wir sollten nicht unseren Gelüsten nach grenzenlosem Genuss unterworfen sein. Zum Abschluss des Katalogs der essbaren und der verbotenen Tiere heißt es: „Denn ich, der Ewige, habe euch aus dem Land Ägypten herausgeführt, um euer Gott zu sein, und ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (Lev. 11:45). Die Torah sagt: Gott hat euch befreit, also lebt auch als Befreite!

Schabbat Schalom!

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks; dort gesendet am 29. März 2019.

01.04.2022 Artikelarchiv >>
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