hauptmotiv

WAJIGASCH

Der schwierige Weg der Versöhnung

Auslegung von Rabbiner Henry G. Brandt

Rabbi Jischmael sagt: „Die Torah spricht in der Sprache von Menschen.“ Aber sie spricht nicht nur in der Sprache von Menschen, sondern da, wo sie nicht über Gott spricht, spricht sie auch über Menschen; Menschen wie wir alle, auch Sie und ich.

Das Besondere an den Lebensgeschichten der biblischen Vorbilder ist, dass sie uns berichten, wie Menschen mit sich ringen, um in moralischer Größe über sich selbst hinauszuwachsen.

In diesem Sinne gehört der Torah-Wochenabschnitt Wajigasch, den wir diesen Schabbat in der Synagoge vortragen, zu den mir teuersten. Die Szene, in der sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gibt und sie sich vereint und versöhnt um den Hals fallen, erfüllt mich immer wieder mit heller Begeisterung. Sie ist bestimmt ein Höhepunkt der Literatur aller Zeiten. Das Bedeutende an dieser Erzählung ist nicht der Umstand, dass sich hier Menschen nach langer Zeit und bitterer Entfremdung wiederfinden. Das so beredt unsere Gefühle Ansprechende ist die Erkenntnis des langen und schweren Weges, den die Kontrahenten bis zum Akt der Versöhnung durchschreiten müssen, die Art, in welcher dieses geschah, und die Siege, die hier über menschliche Schwächen gefeiert werden.

Erinnern wir uns doch an das Vorangegangene Jakob, der ja Kinder von vier Frauen hatte, machte keinen Hehl daraus, dass in seiner Liebe die Söhne seiner Lieblingsfrau Rachel ihm am nächsten standen. Diese Bevorzugung hatte die Brüder tief verletzt. Gekränkte und zurückgewiesene Liebe ist ein mächtiger Bestandteil des Hasses, der seinerseits wieder sicherer Ausgangspunkt des Weges in die Tragödie ist. Die Formel ist einfach und den meisten von uns Menschen wohlbekannt. Verbinde Hass mit einer Möglichkeit zur Tat, und die Saat des Unglücks wird gewiss aufgehen.

So war es auch mit Josef und seinen Brüdern. Als Josef eines Tages seine Brüder auf den weit von zu Hause entfernten Weiden besucht, sahen diese ihre Möglichkeit, sich dieses Günstlings ihres Vaters ein für alle Mal zu entledigen. Sie hätten ihn getötet, wären einigen von ihnen nicht doch entweder Gewissensbisse oder Furcht vor der Verantwortung erwachsen. Stattdessen verkauften sie ihren Bruder in die Sklaverei nach Ägypten. Ihrem Vater berichteten sie von dem vermeintlichen Tod seines geliebten Sohnes. Viele Jahre später stehen sich die Brüder wieder gegenüber, als reife und erwachsene Männer. Josef, nunmehr in Amt und Würden und in der Kleidung der zweithöchsten Position Ägyptens, bleibt von seinen Brüdern unerkannt, weiß seinerseits jedoch, wen er vor sich hat. Nun könnte er sich rächen, könnte die vielen Jahre des Leidens vergelten. Alle nötigen Machtmittel befinden sich in seiner Hand. Aber er prüft sie, um festzustellen, ob sie seit damals gleich geblieben waren. Er manövrierte sie in eine Situation, die in ihren Grundzügen mit der vergleichbar war, in der sie sich an ihm vergingen und ihn einem ungewissen Schicksal überließen. Benjamin, der noch übriggebliebene Jüngere Sohn Rachels - von seinem Vater Jakob heißgeliebt – wurde eines Diebstahls überführt und sollte deshalb als Sklave in Ägypten zurückgehalten werden. Würden die Brüder sich auf seine Kosten retten und auch Benjamin preisgeben? Da trat Jehudah zu Josef heran und in bestechender Offenheit erzählt er dem vermeintlich fremden Herrscher alles, was sie ihrem Bruder Josef angetan und welche Folgen es für ihren Vater gehabt hatte. Er erklärt, dass ein neuer Schicksalsschlag ihren Vater bestimmt vernichten würde und bietet sich selbst als Ersatz für seinen jungen Bruder Benjamin an.

Angesichts dieser Demonstration von Edelmut, brüderlicher Liebe und Verantwortungsbewusstsein dem Vater gegenüber konnte sich Josef nicht mehr zurückhalten. Er befahl allen, die um Ihn standen, außer seinen Brüdern, den Saal zu räumen und gab sich zu erkennen: „Ich bin Josef, lebt mein Vater wirklich noch?“ Und er weinte und umarmte zuerst seinen Bruder Benjamin und dann den Rest seiner Brüder.

Was mir an dieser Geschichte so gefällt, ist weniger die Freude am Happy End dieser Familiensaga als mein Bewusstsein, dass diese Erzählung ein meisterhaftes Lehrstück für uns alle ist. Was uns in dieser Erzählung der Bibel vorgelebt wird, lagert nicht im Bereich des Unmöglichen und Unnachvollziehbaren. Die Hinwendung zu unseren Brüdern – den Menschen insgesamt – liegt in der Reichweite von uns allen. Wir müssen es nur wollen.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 06.12.2013.

17.12.2021 Artikelarchiv >>
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