hauptmotiv

BO

Ein theologischer Krieg

Auslegung von Rabbiner Rothschild

„Da sprach der Ewige zu Mose: Noch eine Plage will ich über Pharao und Ägypten bringen, dann wird er euch von hier ziehen lassen. Und sterben werden alle Erstgeborenen im Lande Ägypten, von dem Erstgeborenen Pharaos an, der auf dem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Sklavin, die an der Handmühle sitzt, und alle Erstgeborenen unter dem Vieh.”  (2. Mose Kap. 11 Vers 1, 5.)

Der Konflikt zwischen Pharao, dem Herrscher Ägyptens, und Mose, dem Gesandten Gottes, beauftragt mit den fast aussichtslosen Verhandlungen um die Befreiung des israelitischen Sklavenvolkes, hat einen Höhepunkt erreicht. Bisher ist alles gescheitert - und zwar, weil Gott das angeblich will, er hat es von vorn-herein so geplant, er hindert Pharao an einem Kurswechsel, so steht es im Text. Die Geschichte ist unangenehm, sie passt nicht zu unseren Hoffnungen auf einen liebenden Gott. Er scheint eher willkürlich zu sein. Was ist hier los? Warum soll eine machtlose Sklavin genauso von Gott bestraft werden, wie der Herrscher selber, der die ganze Verantwortung trägt?

Viele Kommentare, jüdische sowie nicht jüdische, beschäftigen sich mit diesem Problem. Das ganze Land Ägypten wurde bestraft, nicht nur ‘die Bösen’. Ist das ‘fair’? Ist es totaler Krieg?

Teils - Ja. Aber nicht so, wie man zuerst denkt. Gott ist Gott, und seine Feinde sind nicht nur Menschen sondern andere Götter oder Götzen, die die Menschen anbeten. Durch die „Plagen“ wurde einer nach dem anderen, all die ägyptischen Götter,  konfrontiert - und besiegt. Der Nilfluss, Quelle des Lebens in einem Land, in dem es nie regnet - wird zu Blut verwandelt, ein Zeichen des Todes. Die Sonne - und Ra war der Gott der Sonne - wird zur Finsternis gezwungen, drei Tage lang. Heilige Tiere sterben durch Viehseuchen, die angeblichen Fruchtbarkeitsgötter sind machtlos, als Hagel oder Heuschrecken die Ernte auf den Feldern zerstört. Heilige Käfer werden zu einer Insektenplage. Am Ende ist das Land in die Knie gezwungen - fast hilflos. Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei - alles ist weg. Und doch, bis auf die Sklaven, die trotz aller Mahnungen auf den Feldern waren und vom Hagel getötet wurden,  kamen bis dahin keine Menschen ums Leben.

Jetzt aber  kommt eine Wende. Menschen werden getötet. Und warum gerade die Erstgeborenen? Vielleicht waren sie irgendwie den Göttern geweiht. Als Priester, oder als Gaben in den Tempeln. Das kennen wir aus anderen Kulturen. Der Erstgeborene ist etwas Besonderes, und wird so behandelt - entweder geschützt, mit Privilegien ausgestattet, oder getötet, als ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber dem Gott Moloch oder anderen Göttern.

Wenn man die Geschichte so liest, hat sie plötzlich einen Sinn. Es ist ein theologischer Krieg, der hier beschrieben wird. Und in Kapitel 20, in den sogenannten ‘Zehn Geboten’, wird Gott sich nicht als “Gott” sondern als “Der Gott, der euch aus Ägypten befreit hat” vorstellen, und wird nicht sagen “Es gibt keine anderen Götter” sondern “DU sollst keinen anderen Göttern dienen!” Eine interessante theologische Herausforderung für Monotheisten.

Es wird so weit kommen - der Engel des Todes wird die Erstgeborenen töten - aber Pharao selber lebt - das heißt, er war selber kein Erstgeborener. Er wird leben, um seine Armee ins Schilfmeer zu schicken, den flüchtenden Israeliten hinterher. Und dort wird Ägypten  eine totale militärische Niederlage erleiden, einen echten ‘Untergang’ in den tosenden Wellen.

Die Nation, die Josef und seine Verdienste nicht erkannte und nicht erinnerte, die Nation, die bereit war, die  Babys der Israeliten in den Fluss zu werfen und ein ganzes Volk zu unterdrücken, die Nation, die unter einem Tyrannen lebt, wo Staatsreligion herrscht und Sklaven keine Rechte haben, wo steinerne Pyramiden und Grabmäler wichtiger sind als lebendige Menschen - diese Nation wird selber bestraft und zerstört. Weil Gott zeigen will, dass Gott, und Gott allein, Gott ist! - kein anderer.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 22.1.2010.

22.01.2016 Artikelarchiv >>
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