hauptmotiv

WAJESCHEW

Bruder gegen Bruder?

Auslegung von Rabbinerin Gesa Shira Ederberg

I
Die jüdische Tradition fragt schon früh, ob allein diese ungerechte Bevorzugung Josephs durch seinen Vater Jakob dazu geführt habe, dass Joseph ein eingebildeter und von sich allzu sehr überzeugter Jüngling geworden ist, oder ob auch Joseph daran Schuld treffe. Wer Schuld trägt und wer nicht, ist aber nicht so sehr unserer Frage an die Josephsgeschichte, sondern wir wollen Schritt für Schritt betrachten, was hier zwischen den Brüdern geschieht. Weniger die Frage nach Schuld und Verantwortung soll im Mittelpunkt stehen, sondern, warum die Tora gerade diese Geschichte gerade so erzählt.

II
Die Brüder sagten zueinander: „Hier kommt der Träumer, lasst ihn uns töten und in eine dieser Gruben werden“.
Wie war es soweit gekommen, dass Bruder gegen Bruder steht, dass alle Brüder gegen einen, gegen Joseph stehen? Nicht nur hatte Jakob Joseph bevorzugt, sondern Joseph hatte auch noch völlig unsensibel den Brüdern seine Träume erzählt, in denen sich nicht nur seine Brüder, sondern sogar Sonne, Mond und elf Sterne vor ihm verbeugten. Ihm scheint nicht einmal der Gedanke gekommen zu sein, dass solche Träume seinen Brüdern nicht gefallen würden oder sie sogar verletzen könnten.
Jetzt, weit weg vom Vater, verabreden sich ‚die Brüder‘ dazu, Joseph umzubringen – und aus dem bestimmten Artikel lässt sich ableiten, dass es alle Brüder sind, Joseph hat es also geschafft seine Brüder zu einigen.

III
Merkwürdigerweise wird aber gleich im Anschluss an diese gemeinsame Entscheidung, Joseph zu töten, von zwei Brüdern berichtet, dass sie unabhängig voneinander versuchen, den Bruder zu retten.
Reuwen, der Älteste, schlägt vor, Joseph nur in eine der Gruben zu werfen. Seine Brüder meinen, er wolle nur nicht das Blut seines Bruders vergießen, sondern ihn dort langsam verdursten lassen. Tatsächlich will er aber seinen Bruder retten und ist völlig verstört, als er die Grube leer findet.
Juda hatte dann die Idee, Joseph an wandernde Händler zu verkaufen. Dies geschah so schnell, dass Reuwen es nicht mitbekam und es bleibt unklar, ob die anderen ihn über das tatsächliche Schicksal Josephs aufgeklärt haben.
Im Talmud im Traktat Schabbat (6b) wird gefragt, wie diese Rettung Josephs durch Juda zu bewerten ist. Die Entscheidung ist eindeutig: dass Juda weniger böse seine Brüder, macht ihn längst nicht zu einem guten Menschen.

IV
Nun bleiben ‚die Brüder‘ endlich unter sich – ohne den Plagegeist Joseph. Es bleibt ihnen damit aber auch das Problem, was sie ihrem Vater erzählen sollen. Mit leiser Ironie wird nun berichtet, wie sie ein Tier schlachten, Josephs bunten Mantel zerreißen und in das Blut des Tieres tauchen, um so dem Vater erzählen zu können, ein wildes Tier habe Joseph auf dem Feld angefallen und getötet. Die Ironie der Geschichte wird nur erkennbar, wenn wir uns daran erinnern, dass Jakob seinen eigenen Vater Jitzchak und seinen Bruder Esaw mit Hilfe eines von einem frisch getöteten Tier genommenen Felles betrogen hatte.
Man könnte dies als ausgleichende Gerechtigkeit ansehen, wenn nun der Betrüger selber betrogen wird. Die Fortsetzung unserer Parascha aber und die nächsten drei Wochenabschnitte bis zum Ende der Josephsgeschichte sind frei von jeder Schadenfreude. Wir lesen von vielen Abenteuern Josephs. Wir können beobachten, wie aus dem jugendlichen Schnösel ein verantwortungsbewusster Lenker der Staatsgeschäfte wird. Wie aus einem Sklaven im Kerker ein Erwachsener wird, der seinen Brüdern verzeihen kann, obwohl sie ihn töten wollten.

V
Wie spannend diese Geschichte ist, ist hoffentlich deutlich geworden – wie wirklichkeitsnah mit den Konflikten zwischen den Brüdern, mit vielem, was unausgesprochen mitschwingt. Noch nicht beantwortet ist aber die Frage, warum die Tora diese Geschichte berichtet, und warum so ausführlich – ein wahrer Josephsroman. Es gibt mehrere Antworten, die sich nicht ausschließen.
Die Geburtsstunde des Volkes Israel ist der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten. Die Josephsgeschichte erklärt nun, wieso die Juden in Ägypten sind, obwohl die Matriarchen und Patriarchen doch schon im Lande Israel gelebt hatten – schlägt also die Brücke zwischen der Familiengeschichte und der Geschichte des Volkes.
Die Josephsgeschichte erzählt davon, wie jeder, selbst ein so selbstgerechter und eingebildeter Mensch wie Joseph, aus Erfahrung lernen und sich zu einem guten verantwortungsbewussten Menschen entwickeln kann.
Die Josephsgeschichte berichtet von einem gelungenen Zusammenleben zwischen Juden und Nicht-Juden.
Die Josephsgeschichte erinnert uns daran, dass Reue und Umkehr auch noch nach vielen Jahren möglich sein kann, wenn das eigene Herz nicht verhärtet ist.
Vor allem aber zeigt uns die Josephsgeschichte – wie auch schon die ganzen Erzählungen von Abraham, Jitzchak und Jakob, von Sara, Riwka, Rachel und Lea -, dass die Tora uns nicht irgendein Übermenschentum oder moralisches Ausnahmekönnen zeigen will, sondern dass es um wirkliche Menschen geht, die sich immer wieder in einem Dilemma finden, in dem sie sich verhalten, indem sie ihren eigenen Weg finden müssen. Die Tora berichtet zwar über Gottes Meinung in bestimmten Situationen, aber das Augenmerk liegt vor allem darauf, ob die beteiligten Menschen die richtige Wahl treffen und welche Folgen das für sie und die ganze Gemeinschaft hat.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 29.11.2012.

03.12.2021 Artikelarchiv >>
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