hauptmotiv

WA'ERA

Kein gehorsames Volk

Auslegung von Rabbiner Rothschild

"Da redete der Ewige mit Mose und sprach zu ihm: "Ich bin der Ewige ... und ich habe auch das Jammern der Kinder Israels gehört, wie die Ägypter sie knechten, und ich gedachte meines Bundes. Darum sage zu den Kindern Israels: 'Ich bin der Ewige. Ich werde euch von den Lastarbeiten der Ägypter befreien' ... Moses redete so zu den Kindern Israels; allein sie hörten nicht auf Mose, aus Kleinmut und ob der schweren Arbeit. ... Und der Ewige redete mit Mose und sprach, 'Geh, sage Pharao, er solle die Kinder Israels aus seinem Lande ziehen lassen.' Da sprach Mose vor dem Ewigen: 'Siehe, die Kinder Israels haben nicht auf mich gehört, wie sollte Pharao auf mich hören, da meine Lippen doch wie verschlossen sind?'"

In diesem kurzen aber prägnanten Dialog aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 6, sehen wir die Grundlage für so vieles, das noch in dieser Torageschichte kommen wird. Gott hat einen Plan, Mose soll sein Vertreter sein, das Volk aber hat andere Sorgen, andere Meinungen, Mose muss - ob das Gottes Absicht war oder nicht - mehrmals das Volk vor Gott vertreten statt umgekehrt. Und es wird nie einfach sein. 

Es gibt hier tausende Fragen, die man stellen könnte. Ich habe nur Zeit für einige davon. Zum Beispiel: Warum braucht Gott einen Menschen als sein 'Sprachrohr' gegenüber dem Volk? Warum kann Gott nicht mit tiefer Stimme aus dem Himmel die nötige Ehrfurcht erwecken? Warum muss Gott Mose zu Pharao schicken? Kann Gott nicht direkt mit Pharao sprechen? Gott hat einem anderen Pharao schon Träume und Visionen geschickt, im 1. Buch Mose, Kapitel 41, vierhundert Jahre zuvor, um ihn zu lenken...   Aber hier, im 2. Buch, ist vieles anders geworden.

Das Volk hört nicht zu. Das werden wir in den kommenden Büchern mehrmals lesen. Die Israeliten glauben nicht, was Moses ihnen sagt, sie vertrauen ihm nicht, als Moses Gottes Befehle weitergibt; sie wollen lieber den 'Status Quo' in Ägypten akzeptieren, oder, als es dazu zu spät ist, in die Gefangenschaft zurückkehren, als weiter vorwärts zu gehen; sie werden Moses herausfordern zu zeigen, warum Er und nicht Alle die alleinige Autorität haben sollen. Gehorsam werden sie nie sein, und das ist für Moses - und für Gott - manchmal sehr, sehr frustrierend.  Aber sie können es nicht ändern!

Man kann trotzdem hier einen gewissen Trost finden. Die Israeliten waren nie und sind nie und werden nie von Autorität beeindruckt. Ihre eigene Meinung war ihnen immer wichtig - und eine eigene Meinung haben sie auch immer gehabt. Weder Propheten noch Könige, weder Priester noch Gott selber, konnten sie beeindrucken. Heute, im Staat Israel, können weder Ministerpräsidenten noch Oberrabbiner ihnen sagen, was sie denken sollen oder wie sie sich verhalten sollen. Sie sind frei zu reden, zu schreiben und zu lesen, wie sie wollen. Es klingt anarchistisch und das ist es manchmal fast auch, doch tief darunter liegt etwas anderes, eine Reihe von Werten, von Respekt für Menschen, für Familie, für Traditionen - aber nur insofern, als man sie selber interpretieren kann! Für Rabbiner und Politiker ist das manchmal frustrierend - "Das Volk hört nicht zu!" - aber ich denke, es ist viel gesünder als die Alternativen, die wir in der Weltgeschichte gesehen haben, oder die autoritären Regime die wir noch immer sehen.  Wir müssen unseren Leuten nicht befehlen, sondern sie überzeugen.

Paradoxerweise möchte  das Volk lieber geknechtet bleiben, als befreit zu werden. Aber das ist seine Entscheidung. Gott wird sie trotzdem befreien und sie werden, widerwillig und jammernd in die Wüste gehen müssen; dort werden sie wiederholt Moses und Gott ärgern, und wenn sie endlich in dem Land ankommen, das Gott ihnen versprochen hat, wird es schwer sein, überhaupt Dankbarkeit zu spüren. Es ist, irgendwie, menschlich, nicht göttlich. Aber ich bin auch ein Mensch, nicht Gott, und diese Freiheit, für mich selber zu denken, ist mir sehr, sehr wichtig.

Auch wenn ich manchmal, wie Moses, die Geduld mit meinem eigenen Volk verliere, weil sie nicht hören möchten...

Wenn Sie mir bis hierher zugehört haben - naja, dann, Danke schön!


Abdruck mit freundicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 31.12.2010.

15.01.2016 Artikelarchiv >>
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